Sport : Die Kegel-Könige

Wie sich Leverkusen auf den Sieg über Wolfsburg einstimmte

Erik Eggers

Leverkusen. Irgendwann wird Lucio, wenn er nach einer großen Karriere zurückgekehrt sein wird in seine Heimat, von wundersamen Dingen erzählen, die ihm im fernen Europa passierten. Er wird berichten über die Tücken des Profifußballs, wie er sich dort trotzdem durchgesetzt hat, und wie er schon in jungen Jahren das Champions-League-Finale im legendären Hampden Park zu Glasgow erreichte. Andächtig werden sie seinen Ruhmestaten lauschen. Aber am meisten werden sie sich amüsieren über diesen seltsamen Trainer, den Lucio damals bei Bayer Leverkusen hatte. Diesen knorrigen Klaus Augenthaler, dessen niederbayrischen Dialekt sogar manchmal die einheimischen Fußballer nicht verstanden. Und um die ganze Skurrilität seines damaligen Coaches verständlich zu machen, wird Lucio dann von dieser Geschichte berichten, die sich zutrug, bevor Bayer Leverkusen eines Märztages im Jahre 2004 mit 4:2 eine Mannschaft aus Wolfsburg bezwang, obwohl sie zuvor sechsmal nicht gewonnen hatten.

„Wir saßen schon umgezogen in der Spielerkabine und wollten schon auf den Trainingsplatz gehen“, wird Lucio schildern, „da kam der Augenthaler und ordnete an, dass wir uns wieder umziehen sollten.“ Das taten sie, und sodann wurde die ganze Mannschaft in einen merkwürdigen Raum geführt, in dem in einiger Entfernung neun Objekte standen, die seine deutschen Mitspieler Kegel nannten. „Als ich sah, wie mein Mitspieler Daniel Bierofka eine Kugel nahm und diese per Hand auf die Bahn Richtung Kegel schleuderte, war ich sehr erleichtert“, so wird Lucio dann lächelnd berichten, „denn ich dachte, ich sollte diese harte Kugel mit meinem Fuß dorthin schießen“. Insgesamt hätten sie sogar viel Spaß miteinander gehabt, obwohl dieses Spiel namens Kegeln noch etwas sehr Bizarres an sich hätte und nur von ziemlich merkwürdigen Deutschen ausgeübt werde.

Sogar Jörg Butt muss nach dem Duschen ein wenig über diese Story vom Donnerstag grinsen, obwohl er, der aus dem Oldenburgischen kommt, die Dinge ansonsten eher staubtrocken kommentiert. „Vielleicht war das ein Mosaikstein“, sagt der Torwart Leverkusens. Überhaupt gibt sich Butt sehr kämpferisch nach diesem ersten Leverkusener Sieg in der Rückrunde, der Bayer drei Punkte Vorsprung gibt auf Platz sechs: „Die Ausgangsposition ist immer noch sehr gut, wir können hier immer noch einiges erreichen.“ Die trüben Aussichten der letzten Wochen scheinen verflogen.

Nur bei einem Kapitel, das dieses Spiel weiter fortschrieb, verfliegt bei Butt die gute Laune. Es geht um Innenverteidiger Jens Nowotny, seinen Freund, der vom Trainer aus der Mannschaft genommen und durch Juan glänzend ersetzt worden war. Juan hatte 80 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen, die Mannschaft hatte gekämpft und gegrätscht wie noch nie in der Rückrunde, sie war aggressiv, sie hatte dieses Spiel unbedingt gewinnen wollen. Das provoziert Fragen. „Mit Jens hätten wir auch gewonnen“, entgegnet Butt. Und wenn es tatsächlich so gewesen sein sollte, dass Teile der Mannschaft ihren Einsatzwillen an der Beteiligung Nowotnys festmachten, „wäre das eine Riesensauerei“. Sagt Butt und will daran nicht glauben. Auch Augenthaler reagiert genervt auf dieses Thema. „Das ist hier nicht der FC Nowotny“, sagt der Trainer barsch. Auch er hatte registriert, dass trotz des deutlichen Sieges ziemlich viele Fehler im Mannschaftsgefüge zu beobachten waren. Vor allem die Außenverteidiger Balitsch und Placente wirkten oft überfordert, nicht nur bei den Gegentoren. Aber der Trainer wollte nicht meckern an diesem Tag. Seine größte Sorge lautete deshalb: „Hoffentlich wollen die jetzt nicht jeden Donnerstag zum Kegeln.“ Lucios Kommentar dazu ist nicht überliefert.

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