Sport : Die Kirche und der Markt der Möglichkeiten

Die WM 2006 zieht viele Missionare an – auch deutsche Sportpfarrer sorgen für das Seelenheil der Fans

Christoph Ruf[Karlsruhe]

So wird das nie was mit dem KSC. Da ist sich Hans-Georg Ulrichs sicher. Auch die Bundesligatabelle und die Lage im italienischen Fußball sind erörtert, ehe die Stadtgrenze von Karlsruhe passiert ist. So kenntnisreich spricht niemand, der sich wegen eines Pressetermins mal eben ein bisschen Fachwissen angelesen hat. Der 38-Jährige hat früher im Friesischen in der C-Jugend von Concordia Ihrhove gegen den Ball getreten, ehe es ihn zum Theologiestudium in den Süden verschlug. Dass die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) nun ihn, den Sportpfarrer der badischen Landeskirche, zum Beauftragten für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ernannte, lag da wohl nahe.

Seit Wochen hetzt Hans-Georg Ulrichs nun durch die Republik – von Hannover nach Köln und München und von dort nach Berlin zum Koordinierungsgespräch. Denn überall dort, wo WM-Spiele ausgetragen werden, wollen auch die Kirchen Präsenz zeigen. Als Generalprobe wird dabei Kaiserslautern gesehen. Im Sommer, wenn der WM-Globus in der Westpfalz Station macht, wird ein überkonfessionelles Bündnis drei Tage lang das Rahmenprogramm gestalten. Beim Runden Tisch des „Arbeitskreises Kirche und Sport“, der sich heute in der Kaiserslauterer Altstadt trifft, kennen sich die meisten Teilnehmer seit Jahren – entsprechend freundlich sind sie zueinander.

Zwei Stunden später steht das Programm des dreistündigen Veranstaltungsmarathons, produktiver kann eine Sitzung mit annähernd 20 Teilnehmern kaum ablaufen. Erst als kurz vor Schluss jemand fordert, man solle fair gehandelte Produkte anbieten und „nicht nur auf den Preis schauen“, deutet ein Beitrag darauf hin, dass hier Kirchenleute versammelt sind.

Vom Gospel-Abend über das Streetsoccer-Turnier bis zum „Markt der Möglichkeiten“ wurden die Eventualitäten bedacht. Was, wenn es regnet? Spielt die Stadt mit? Bei der Gemeinderatssitzung am Vorabend soll es Diskussionen über ein fest eingeplantes Veranstaltungsgelände gegeben haben. Und da wäre noch Xavier Naidoo, dessen Auftritt für Freitag eingeplant war. Ob der aber nun tatsächlich auftritt? Immer wieder hatte der Barde seine Gagenforderungen nach oben korrigiert und Termine verstreichen lassen, heißt es hier.

Wie in der Pfalz zeigt die Kirche derzeit landesweit gesteigertes Interesse am Seelenheil der Fans, die zur WM kommen werden. Bischof Wolfgang Huber höchstpersönlich informierte sich im Dezember in der Arena Auf Schalke über den Zustand der dortigen Stadionkapelle. Und hörte hoch erfreut von 40 Wiedereintritten und 120 Taufen, die im klerikalen Stadionseparée gefeiert wurden. Natürlich freut sich die EKD nun darüber, dass in fast allen neuen Stadien solche Orte entstehen, die „bleibender sind als ein Sieg“, wie der Gelsenkirchener Pfarrer Hans-Joachim Dohm sagt. In Berlin sammelt Oberkirchenrat Bernhard Felmberg seit Sommer Spenden. Spätestens beim WM-Endspiel am 9. Juli 2006 soll auch die Stadionkapelle im Olympiastadion fertig eingerichtet sein – als Angebot für Fans, die ihren Sport nicht als Religion sehen und „einen Raum der Stille für das Gespräch mit Gott suchen“, sagt Felmberg.

Auf dem Rückweg lobt Ulrichs den „wahnsinnigen Einsatz“ Felmbergs. Dass das kirchliche Engagement im Vorfeld der WM auf Verwunderung stoße, erstaune ihn wiederum. „Wir predigen doch nicht gegen die Wand, sondern müssen aufnehmen, was die Menschen bewegt.“ Ab dem Frühjahr 2006 werde es eben nur ein Thema geben – die WM. Überhaupt sei „der Glauben wieder selbstverständlicher geworden“. Schon zu zahlreichen Sportfesten sei er zur Predigt eingeladen worden. Auch stritten „Kirchen und Sportverbände gemeinsam gegen die Ökonomisierung des Sonntags“. Und überhaupt: „Nehmen wir das Motto der WM: Die Welt zu Gast bei Freunden. Es gibt Bibelstellen, die davon sprechen, dass Friede sein wird, wenn alle Völker miteinander spielen.“ Ein wenig bemüht wirkt hingegen einiges, was an sportspezifischen Gottesdienstmaterialien vorliegt. Etwa eine Seligpreisung, wonach „selig ist, wer ohne Neid den zweiten Platz einnimmt“.

Doch mit den „tausend Missionaren, die zur WM kommen, um dort aggressiv für sich zu werben“, will Hans-Georg Ulrichs auf keinen Fall verwechselt werden. „Ich bitte Sie, die Leute kommen nach Deutschland und wollen Fußball sehen, das respektieren wir auch.“ In der Tat kann man sich den geistreichen norddeutschen Protestanten nur schwer als wilden Eiferer im Kampf um die verlorenen Seelen vorstellen. Allerdings sind die politisierten Achtzigerjahre auch in der Kirche vorbei, fair gehandelte Fußbälle lassen sich offenbar nur noch dann verkaufen, wenn sie im Rahmen groß angelegter Events angeboten werden. Hans-Georg Ulrichs jedenfalls wird sich im kommenden Sommer auch dann über die Weltmeisterschaft freuen, wenn er sich nicht allzu oft über theologische Detailfragen unterhalten muss. Ob Schalke denn die Meisterschaft zuzutrauen sei, fragt er noch, ehe das Karlsruher Ortsschild wieder in Sichtweite gerät.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben