Sport : Die Klasse von 2002 wird erwachsen

Im WM-Kader 2006 stehen zehn Spieler, die auch schon vor vier Jahren dabei waren

Stefan Hermanns[Genf]

Die Sache ist wirklich nicht gut gelaufen für Christoph Metzelder. Zwei Gegenspieler ließ er stehen, und anschließend umdribbelte er auch noch Torhüter Jens Lehmann. Metzelder, der Verteidiger der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, erzielte nach übereinstimmenden Zeugenaussagen ein wunderbares Tor – nur hat es kaum jemand gesehen. Das Tor fiel im Geheimtraining der Nationalmannschaft. „Es ist die Ironie meiner Karriere, dass die glanzvollsten Momente immer abseits der Öffentlichkeit geschehen“, sagt Metzelder.

So stimmt das natürlich nicht. Die glanzvollsten Momente hat Metzelder im hellsten Lichte erlebt. Bei der WM 2002 war das, als er mit 21 Jahren völlig unerwartet Stammspieler wurde und – ebenso unerwartet – mit Deutschland ins Endspiel einzog. Metzelders Problem ist eher, dass seit diesem frühen Höhepunkt so gut wie kein Karriereschritt mehr passiert ist. Als er vor vier Jahren zur WM fuhr, war er ein junger Spieler mit wenigen Länderspielen, „jetzt bin ich ein etwas älterer Spieler mit fast genauso wenigen Länderspielen“. Sechs waren es vor dem Turnier in Asien, danach sind, bedingt durch eine fast zwei Jahre währende Verletzung an der Achillessehne, nur noch einmal genauso viele hinzugekommen.

„Christoph Metzelder hat schon mal ein sehr gutes Turnier gespielt“, sagte Joachim Löw, der Kotrainer der Nationalmannschaft, „er ist eine Persönlichkeit in der Mannschaft.“ Jürgen Klinsmann hat in seiner Amtszeit als Bundestrainer sich in den 22 Monaten seiner Tätigkeit den Ruf erworben, ein radikaler Erneuerer zu sein. Doch wenn man etwas genauer hinschaut, wird man erkennen, dass in seinem Kader 2006 noch jede Menge WM 2002 steckt. Zehn Spieler hat Klinsmann berufen, die auch schon in Asien dabei waren. So viel Kontinuität hat es in der WM-Geschichte der deutschen Nationalmannschaft selten gegeben. Nur 1994 (zwölf) und 1970 (dreizehn) gehörten dem Kader mehr Spieler an, die auch schon für die vorangegangene Weltmeisterschaft nominiert waren.

Die nackte Zahl sagt jedoch wenig darüber aus, wie sich in diesem Zeitraum die Struktur des Kaders verändert hat. Kaum ein Spieler hat heute noch dieselbe Rolle, die er schon vor vier Jahren innehatte. Oliver Kahn wurde vom Titan zum Ersatztorhüter degradiert und kreuzte dabei den Weg mit Jens Lehmann. Michael Ballack hingegen hat nun als Kapitän auch de facto den Rang, den er sich vor vier Jahren erspielt hat. Miroslav Klose ist auch nicht mehr der unbedarfte Junge aus Kusel, sondern ein international anerkannter Stürmer, der gerade Torschützenkönig der Bundesliga geworden ist.

„Vor vier Jahren war ich jung, keiner hat mich gekannt“, sagt Klose. „Ich konnte frei aufspielen.“ Gleich bei seinem ersten WM-Einsatz gegen Saudi-Arabien erzielte er drei Tore, in den nächsten beiden Spielen folgten zwei weitere, und auf einmal galt der damals 24-Jährige als möglicher Torschützenkönig der Weltmeisterschaft, vor allem aber als baldiger Weltklassestürmer. Vier Jahre später könnte sich diese Vorhersage tatsächlich erfüllen. Doch die Karriere des Bremers weist weit mehr Brüche auf, als es auf den ersten Blick erscheint. Wer weiß denn noch, dass Klose vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft in Portugal nicht einmal Stammspieler war und nur zweimal eingewechselt wurde?

„Ich habe immer gesagt, dass es für mich von Vorteil ist, die Leiter Sprosse für Sprosse zu erklimmen und nicht gleich von unten nach oben zu springen“, sagt Klose. Er weiß, wovon er spricht. Vor vier Jahren hat er mit einem riesigen Satz mehrere Entwicklungsstufen übersprungen, doch dann musste er erst wieder tief hinabsteigen, um erneut nach oben zu kommen. Erst jetzt ist Miroslav Klose in der Nationalmannschaft wirklich unumstritten, und auch in Klinsmanns taktischem Konzept spielt er inzwischen die führende Rolle. Der Bundestrainer will die Verteidigung des Gegners möglichst früh unter Druck setzen, dazu muss der ballführende Spieler gezielt attackiert werden. Klose soll nicht nur den passenden Moment erkennen, sondern auch „vorne das Zeichen zum Angriff geben“.

Obwohl Klose bei der Weltmeisterschaft 2002 fünf Tore erzielt hat, galt damals vor allem Christoph Metzelder als das Gesicht des neuen Deutschlands. Seitdem aber „lief meine Entwicklung diametral zu der von Miro“. Zuletzt verlor Metzelder sogar bei Borussia Dortmund seinen Stammplatz, immer wieder hatte er zudem unter kleineren Verletzungen zu leiden, und trotzdem wurde er von Jürgen Klinsmann nie ernsthaft in Frage gestellt. „Die Trainer haben großes Vertrauen in mich“, sagt Christoph Metzelder. Die Öffentlichkeit ist weiterhin eher skeptisch. Aber das muss kein Nachteil sein. 2002 war es nicht anders.

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