Sport : Die kleinen Spiele

Wie China die Fußball-WM der Frauen organisierte

Frank Hollmann[Schanghai]

Wenn die deutschen Fußball-Nationalspielerinnen durch die gewaltigen Scheiben ihres Mannschaftshotels in Schanghai über die Straße blicken, lächelt ihnen ein chinesischer Sportler überlebensgroß entgegen. Die elektronische Anzeige erstreckt sich fast über die ganze Breite der Sporthalle direkt neben Schanghais größtem Fußballstadion. Nicht minder breit versichert der Werbeslogan „Wo xing – ni ye xing“! Ich kann – du kannst auch.

Doch gemeint sind nicht die Protagonisten der deutschen Mannschaft, die heute bei der WM im Finale gegen Brasilien (14 Uhr, live in der ARD) stehen. Der junge Mann mit Downsyndrom grüßt die Teilnehmer der Special Olympics, der Spiele der geistig Behinderten, die am Dienstag eröffnet werden. Sie sind das beherrschende Sportereignis in Schanghai. Für die Frauen-WM dagegen wurde großflächig nur in der direkten Umgebung des Endspielstadions plakatiert und geflaggt. Aber Deutschland und Brasilien werden nicht in Schanghais größter Arena auflaufen, sondern im kleineren Hongkou-Stadion.

Selbst in den vielen Sportbars der Stadt wird die WM nur am Rande registriert. „Was ist denn Besonderes an diesem Sonntag?“, fragt Michelle, Barfrau im „Spot“, in dem auch viele Deutsche ihr Feierabendbier genießen. „Frauen- WM? Finale? Hier in Schanghai?“ Auf dem Plasmaschirm hinter Michelle läuft derweil eine Aufzeichnung des WM- Halbfinals.

Dabei sollte die WM durchaus ein Probelauf für die Olympischen Spiele nächstes Jahr in der Hauptstadt sein, versicherte Lily Xue vom chinesischen Organisationskomitee. „Die WM ist ein Test in Sachen Transport, Organisation und Sicherheit“, sagt Xue. In puncto Sicherheit leisteten die Organisatoren ganze Arbeit – vor allem in Hangzhou, wo die deutschen Frauen in ihrem letzten Gruppenspiel Japan besiegten. Im Medienhotel schrieb in jedem Stockwerk, in dem ausländische Journalisten wohnten, ein Aufpasser peinlichst genau auf, wer wann sein Zimmer verließ und es wieder betrat. Und wenn ein Medienvertreter mal gar nicht in seinem Zimmer übernachtete, wurde er tags darauf prompt nach dem Grund befragt. Song Jianbo vom örtlichen Organisationsstab erklärte die Überwachung so: „Vielleicht war es so, weil Hangzhou zum ersten Mal so ein Großerereignis ausrichtet. Uns geht es um die Sicherheit und um eine angenehme Atmosphäre.“ Ein Einzelfall penibler Kontrolle war das nicht. Die dänischen Fußballerinnen beschwerten sich über Bespitzelungen durch die Chinesen bei Training und Teambesprechung. Die deutsche Mittelfeldspielerin Kerstin Garefrekes drückte die Stimmung während der WM so: „Die Chinesen sind sehr hilfsbereit, fast schon zu besorgt.“

Penibel wurden auch die WM-Bauten geplant. Die Hafenstadt Tianjin, 100 Kilometer von Peking entfernt, klotzte für die WM und das olympische Fußballturnier einen gewaltigen Sportpark mit Hallen, Wasserlandschaften und einem futuristischen Hightech-Stadion in die Innenstadt. Olympiareif waren hier bereits der Service und die Freundlichkeit der Helfer im Stadion. Bundestrainerin Silvia Neid, die 1991 noch als Spielerin bei der WM in China dabei war, sagt jetzt: „Das ist ja sehr viel westlicher geworden.“

Wer ist die deutsche Frauenelf? Seite 2

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