Sport : Die Kleinen und der Automechaniker

Basketballtrainer John Patrick formt Aufsteiger Göttingen zu einem der spannendsten Bundesliga-Teams

Benedikt Voigt

Berlin - Im Sommer in Peking musste sich John Patrick in einem Kleinbus ärgern lassen. Der Basketballtrainer des Bundesligaaufsteigers BG Göttingen 74 befand sich gerade auf dem Weg zu einem Trainingscamp der besten asiatischen Nachwuchsspieler im Südosten der Olympiastadt, als sein ehemaliger Collegecoach aus Stanford auf der Rückbank die Stimme hob. „Stimmt es“, fragte Mike Montgomery einen mitfahrenden Deutschen und sprach absichtlich laut, damit es sein Trainerkollege hören musste, „stimmt es, was John Patrick behauptet: Dass er Deutschlands berühmtester Basketballtrainer ist?“

Das war natürlich ein Scherz. Mike Montgomery ist als ehemaliger Trainer der NBA-Klubs Golden State Warriors der weitaus berühmtere Coach, vor allem aber legt John Patrick keinen Wert auf persönlichen Ruhm. Trotzdem dürfte seine Bekanntheit in Deutschland in dieser Saison steigen, denn er betreut eines der spannendensten Teams der Basketball-Bundesliga. Wenn Alba Berlin heute in der Max-Schmeling-Halle (19.30 Uhr) den Aufsteiger Göttingen empfängt, treffen die Berliner nicht nur auf eine ungeschlagene Mannschaft, sondern auch auf einen ungewöhnlichen Spielstil. Diesen hat ein Zweitligatrainer einmal als „Guardterror“ beschrieben.

„Ich weiß nicht wie erfolgreich wir damit in der Bundesliga sein werden“, sagt John Patrick, „aber ich weiß, dass die Fans unseren Stil mögen.“ Er schickt bis zu vier kleingewachsene Spieler gleichzeitig aufs Feld, die in der Verteidigung sofort in der gegnerischen Spielhälfte Druck machen und im Angriff blitzschnell abschließen. Die Göttinger spielen temporeich und spektakulär, gegen Gießen (88:81) und Leverkusen (91:85) waren sie auch erfolgreich. Insgesamt stehen sechs Guards in seinem Kader, die ständig wechseln. Bei Alba lastet nach den Kreuzbandrissen Goran Jeretins und Johannes Herbers (siehe nebenstehenden Text) die Spielmacherbürde auf Bobby Brown. Der Göttinger Trainer sieht das nicht als Nachteil an. „Wenn man den anderen 17 Trainern in der Liga sagen würde, sie müssten die Saison mit Bobby Brown als erstem Aufbau spielen, würden sie vor Freude einen Rückwärtssalto machen“, sagt er.

In Göttingen hingegen sind die Finanzverhältnisse bescheiden. „Wir haben hier weniger als 500 000 Euro für die Mannschaft zur Verfügung, wenn ich die genaue Summe sage, glaubt mir das wahrscheinlich keiner“, sagt John Patrick. Er vertraut Spielern wie Michael Schröder. „Er ist wahrscheinlich der größte Automechaniker Deutschlands“, scherzt Patrick. Bis vor kurzem klemmte der Centerspieler in der elterlichen Autowerkstatt seinen 2,08 Meter großen Körper unter die Karosserien, anschließend tauchte er mit ölverschmierten Händen im Training auf. Trotzdem hat John Patrick Großes vor. „Ich möchte hier in drei Jahren unter den besten sechs Teams in Deutschland sein und auf europäischem Niveau spielen“, sagt er. Göttingen habe ähnliche Voraussetzungen wie der Deutsche Meister Bamberg. „Es ist eine Kleinstadt mit großer Basketballtradition, in der es keine Konkurrenz durch andere Sportarten gibt.“

Nach Niedersachsen ist John Patrick durch seine Frau gekommen. Sie stammt aus Göttingen, kennengelernt hat er sie jedoch in einem Japanisch-Seminar in Tokio. In Japan hat John Patrick als Trainer alles gewonnent, was es zu gewinnen gibt, dort trat er auch als Fernseh-Kommentator auf. Im Land der aufgehenden Sonne ist er sogar eine gewisse Berühmtheit, die Menschen erkannten ihn auf der Straße. Und das, Coach Mike Montgomery, stimmt wirklich.

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