Sport : „Die Kollegen sind mir egal“

Der Gladbacher Trainer Dick Advocaat über seine Launen, seine Ideen vom Fußball und die vielen neuen Spieler

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Herr Advocaat, am Wochenende, nach der Niederlage in Bremen, haben Sie sehr niedergeschlagen gewirkt.

Das kann sein. Wenn ich nicht zufrieden bin, merkt man mir das sehr schnell an.

Hat Ihre Laune auch Einfluss auf den Umgang mit Ihren Spielern?

Je mehr ich gewinne, desto umgänglicher bin ich. Aber zu Fußballern musst du immer streng sein. Die haben so eine Niederlage nach ein paar Stunden abgehakt. Ein Trainer beschäftigt sich viel länger damit.

Haben Sie deshalb bei Ihrem Amtsantritt in Mönchengladbach gesagt, Sie würden Ihre Spieler wie Kinder behandeln?

So ist es rübergebracht worden, aber ich habe gesagt: In einer Mannschaft ist es wie in einer Familie. Du triffst Vereinbarungen mit den Spielern wie mit deinen Kindern. Wenn du zu deinen Kindern sagst, wir essen um halb sieben, hoffst du, dass sie um halb oder fünf vor halb sieben zu Hause sind. Und wenn du sagst: Um zwei Uhr ist Training, dann erwartest du, dass die Spieler um zwei Uhr fertig sind. Das ist ein ganz normaler Vorgang. Nur ist er von den Medien etwas negativ dargestellt worden. Aber so läuft es eben.

Die böse Presse!

Nein, nein. Ich habe mich wahrscheinlich auf Deutsch nur nicht gut genug ausgedrückt. Der Fehler liegt also bei mir.

Sind Sie trotzdem misstrauisch geworden?

Bestimmt nicht – obwohl ich als Bondscoach in Holland eine schwierige Phase mit den Medien hatte. Das Urteil über Dick Advocaat war schon vor der EM gesprochen. Und dann haben wir das Halbfinale erreicht ... Man sollte jemanden erst beurteilen, nachdem er seine Arbeit getan hat. Ich hätte es mir natürlich auch einfach machen können, wenn ich als Bondscoach immer das getan hätte, was die Medien von mir erwartet haben. Aber so bin ich nicht.

Haben Sie Genugtuung empfunden?

Ich habe einen Lebenslauf wie wenige andere Trainer. Überall habe ich erfolgreich gearbeitet, bei der Nationalmannschaft, in Eindhoven, in Glasgow oder früher bei meinem Amateurklub. Ich bin Meister geworden, Pokalsieger, ich bin als Trainer noch nie entlassen worden. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich auch bei der Nationalmannschaft weitermachen können. Die Journalisten können über Dick Advocaat also gar nichts Schlechtes sagen. Oder nur wenig. Das ist vielleicht ihr Problem.

Beobachten Ihre Landsleute, wie es Ihnen in Mönchengladbach ergeht?

Nein, aber das ist bei allen Trainern so, die ins Ausland gehen. Um die wird es schnell ruhig.

Haben Sie denn Kontakt zu Bert van Marwijk und Huub Stevens, den anderen holländischen Trainern in Deutschland?

Überhaupt keinen. Aber das liegt an mir. Ich bin eher ein Einzelgänger. In Schottland war es üblich, dass sich die Trainer vor und nach dem Spiel zum Kaffee treffen. Das habe ich nur einmal gemacht. Bei den Kollegen ist das nicht besonders gut angekommen. Aber das war mir egal.

Wie erklären Sie sich Ihre Erfolge?

Ich habe eine klare Linie, von der ich nicht abweiche. Ich habe auch eine Idee davon, wie Fußball gespielt werden muss, mit welchem System. Und ich hatte gute Lehrmeister, Rinus Michels zum Beispiel oder Ernst Happel, der mein Trainer war. Von solchen Menschen nimmst du Dinge an, und dann bringst du deine Persönlichkeit ein. Die kannst du nicht verändern.

Was ist Ihr System?

Dass du gewinnst. Ein besseres System gibt es nicht.

Das ist sehr deutsch.

Ja, gerne.

Ihr Erfolgsrezept wird zurzeit darauf reduziert, dass Sie viele neue Spieler holen.

Das ist ein bisschen einfach. Ich habe auch bei meinem Amateurverein erfolgreich gearbeitet. Außerdem sagen die Leute ja, dass man nicht mitten in der Saison sieben Spieler holen kann. Nur, wenn es funktioniert, bist du plötzlich ein großartiger Trainer. Mal sehen, was die Leute am Ende der Saison sagen.

Haben Sie nur unter der Bedingung in Gladbach unterschrieben, neue Spieler verpflichten zu dürfen?

Nein, ich habe mich auch in den ersten Wochen sehr zurückgehalten, und ich will auch nicht alles schlecht reden, was vorher war. Die alte Mannschaft hat gegen Bayern gewonnen, gegen Bremen gewonnen. Aber es gab keine Linie. Mit dem anderen Kader wären wir nur mit sehr viel Arbeit vielleicht in der Bundesliga geblieben. Und alles hätte auf Hoffnung basiert. Aber ich hoffe nicht gerne. Ich will eine gute Mannschaft auf dem Platz haben.

Waren Sie ein bisschen erschrocken von der spielerischen Qualität bei Borussia?

Wenn ich damit zufrieden gewesen wäre, hätten wir nicht sieben Spieler verpflichtet. Ich hole die Spieler ja, weil ich glaube, dass wir sie nötig haben. Und wir haben qualitativ sehr gute Jungs verpflichtet, für gerade mal 3,5 Millionen Euro. Wenn wir bis Juni gewartet hätten, hätten sie wahrscheinlich viermal so viel gekostet. Wir haben jetzt einen ersten Schritt getan, und wenn wir im Sommer noch ein Schrittchen in diese Richtung gehen, gucken wir mal, wie weit wir kommen.

Dennoch wird Ihnen vorgeworfen, die Transfers seien vom Zufall geleitet.

Natürlich hat der Zufall eine Rolle gespielt – weil wir Glück hatten, dass diese Spieler auf dem Markt waren. Wenn Wesley Sonck bei Ajax noch gespielt hätte, wäre er nie nach Gladbach gekommen.

Wie viele Spieler wollen Sie im Sommer noch holen?

Das hängt davon ab, wie viele Spieler uns verlassen. Ich kann verstehen, wenn jemand weg will, um wieder zu spielen. Das Problem für einen Trainer sind sowieso nicht die Spieler, die spielen. Schwierig ist es mit denen, die nicht spielen. Ich kann nicht alle bei Laune halten.

Versuchen Sie das?

Das geht nicht. Ein Trainer wird sich immer um die Spieler kümmern, die am Wochenende spielen. Zu den anderen sagst du: Guten Tag. Du kannst nicht jedem gleich viel Aufmerksamkeit schenken.

Aber vielleicht brauchen einige Spieler das?

Wir reden hier von der Bundesliga. Jemand, der damit nicht zurechtkommt, ist nicht gut genug für Gladbach.

Ist es nicht auch Aufgabe eines Trainers, vorhandene Spieler besser zu machen?

Ein Trainer wird niemals mit Recht sagen können: Ich habe einen Spieler besser gemacht. Ich kann Spielern erklären, was sie gut und was sie falsch gemacht haben, weil ich ein Spiel lesen kann. Und ich weiß auch, welche Position für einen Spieler in Frage kommt, weil ich selbst lange auf recht hohem Niveau gespielt habe.

Sie können einen Bundesligaprofi technisch nicht mehr verbessern?

Technisch nicht, aber taktisch. Jörg Böhme zum Beispiel muss sich hier an unser neues System anpassen, bei dem er weniger Freiheiten hat. Dass Böhme sich etwas zügeln muss, ist eigentlich ein bisschen gegen seine Natur. Damit er das versteht, muss ich es ihm erklären.

Aber Sie können Böhme nicht mehr beibringen, mit rechts so zu schießen wie mit links.

Nein. Technik hast du, oder du hast sie nicht. Du kannst nicht sagen: Ich will die gleiche Technik haben wie Netzer. Das ist eine Gabe Gottes. Auch wenn ich das früher vier Stunden am Tag trainiert hätte, niemals hätte ich Pässe wie Netzer spielen können. Niemals.

Haben Sie auch Spaß daran, junge Spieler zu entwickeln?

Ich habe nur Spaß, wenn ich gewinne. Aber ich finde es schön, dass wir jetzt zwei junge Spieler, Eugen Polanski und Marcel Jansen, zu den Profis hoch geholt haben. Nicht weil sie 18 und 19 sind, sondern weil sie große Qualitäten besitzen. Da habe ich Freude dran. Es geht nicht um Jantje und Pietje, wie man bei uns sagt; es geht darum: Wer bringt seine Leistung?

Es ist ein Teil der erfolgreichen Geschichte von Borussia Mönchengladbach, junge Spieler groß zu machen.

Diese Zeit ist vorbei. Ich habe in Den Haag auch fast nur mit Jungs aus der näheren Umgebung gespielt. Und heute? Schauen Sie sich Ajax Amsterdam an. Da spielen noch drei Holländer. Als Trainer guckst du: Wie kannst du erfolgreich spielen? Geht das mit einem Deutschen? Geht es nicht, musst du einen Ausländer holen. Es wird niemals mehr so sein, dass neun Spieler aus Mönchengladbach in der ersten Mannschaft spielen.

Aber der Fußballfan sucht nach Identität.

Der Fußballfan hat eine einzige Identität: gewinnen.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

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