Sport : Die Kraft des Glaubens

Klinsmann verabreicht seinem Team ein Programm, das ein Placebo sein könnte

Michael Rosentritt[Pula]

Mark Verstegen hat das Kommando auf dem Trainingsplatz. Die Nationalspieler kriegen grüne Gummibänder um die Fesseln und watscheln in einer Art Entengang über den Rasen. Derweil wuchtet eine andere Gruppe kniend blaue Medizinbälle gegen einen Mauervorsprung. Und immer wieder klatscht Verstegen in die Hände. Er ruft „that’s it“ oder „nice“. Jürgen Klinsmann steht am Rand und ruft „great“.

Verstegen ist US-Amerikaner und Fitnesstrainer. Beides zusammen macht ihn zu einer zentralen Figur in Jürgen Klinsmanns WM-Projekt, das in den Titelgewinn münden soll. Es ist ein kühnes Projekt, vielleicht sogar ein verwegenes. Der Bundestrainer und seine engsten Mitstreiter haben der dreiwöchigen WM-Vorbereitung längst einen mystischen Charakter verliehen. Hier auf Sardinien hat etwas seinen Ausgang genommen, das ab Sonntag in Genf seine Vollendung erfahren soll. Alle Zweifel an der Titeltauglichkeit der Nationalelf, alle Versagensängste, alle fußballerischen Defizite wurden bisher mit Verweis auf diese drei Wochen weggeredet. Einer durchaus begabten, aber unerfahrenen Mannschaft sollen in hohen Dosen Taktik, Technik, Kondition und Teamgeist verabreicht werden. Egal wie gewagt dieses Vorhaben erscheinen mag, große Teile der Bevölkerung, ja selbst Teile der Medien vertrauen dem Plan. Die Spieler haben dieses Denken zu ihrem gemacht. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Nur Michael Ballack, der einzige deutsche Spieler von Weltformat, traut dem Zauber nur bedingt. Er sagt: „Mit dieser jungen Mannschaft ist sicherlich eine Überraschung möglich, aber sie kann auch früh ausscheiden.“

Der Fitness-Aspekt ist für Klinsmann „arg wichtig“. Seine Mannschaft soll nach vorne orientierten Tempofußball spielen. Gegen Mannschaften wie Argentinien und Brasilien konnte sein Team das hohe Tempo 60 oder 70 Minuten mitgehen, „auch technisch“, wie Klinsmann sagt, aber dann werde es problematisch. Als Verstegen im September 2004 die Nationalspieler in Gummibänder legte, wurde noch gelästert. „Fitness-Sheriffs“ war eines der gängigen und durchaus abwertend gemeinten Etikette, die dem Mann aus Arizona und seinen Assistenten Shad Forsythe und Craig Friedman angeheftet wurden. Heute heißt es: Gut, dass sie da sind.

Jürgen Klinsmann denkt groß und optimistisch. In seinen Sätzen schwingt unterschwellig immer eine simple Botschaft an die Spieler mit: Hört auf uns, und ihr werdet Erfolg haben. Sein Glaube an das Machbare, an die eigenen Fähigkeiten und deren Optimierung sind so etwas wie der Refrain seiner Fußballphilosophie.

Die jüngeren Spieler wirken wie beseelt von dem Masterplan. Ihr Glauben an die Kraft der drei Wochen ist ungebrochen. Wer sie reden hört, denkt unweigerlich an die Fernsehwerbung, die den Konsumenten die Kraft der zwei Herzen suggeriert. Setzt Klinsmann am Ende auf einen Placebo-Effekt? Er verabreicht der Mannschaft ein Programm, von dem alle glauben, dass es wirkt.

„Wir werden brutal hart arbeiten, da wird voll gepowert“, sagt der Bundestrainer. Er sagt, dass „wir mehr machen als die anderen“. Er sagt nicht, dass man dadurch einen besseren und erfolgreicheren Fußball spielt. Das Niveau der WM wird hoch sein. Der 41-Jährige will seine Spieler darauf körperlich und mental vorbereiten. Deshalb zählt zum deutschen WM- Tross auch der Psychologe Hans-Dieter Herrmann, der Fitnesstraining für den Kopf anbietet und den Spielern so die Versagensangst nehmen soll. Klinsmann nennt Schlagworte wie Zielbewältigung, Stressabbau und Druckbewältigung.

„Wir wollen mit Energie ins Turnier gehen“, sagt Klinsmann, „wir müssen aggressiver sein als die anderen Mannschaften.“ Für die Tage in Genf, wohin die Mannschaft am Sonntag reist, hat Assistenztrainer Joachim Löw ein „individualisiertes“ Trainingsprogramm entwickelt. Inhalt und Dosierung richten sich nach zwei Faktoren: Wie hoch war die Belastung des Spielers in der zu Ende gegangenen Saison, und welcher Bedarf hat sich aus den Fitnesstests ergeben?

Nun lassen sich konditionelle Defizite in 15 Tagen gut aufholen. Schwieriger wird es, wenn die koordinative Begabung begrenzt ist. „Wir haben einige, die im Geradeauslauf sehr gut sind, aber beim Richtungswechsel nicht mehr“, sagt Löw. Eigentlich müsse man „die Aktionsschnelligkeit der gesamten Mannschaft erhöhen“, sagt er. In Genf sollen dann Spielverständnis und Spielsysteme sowie taktisches Verhalten permanent geschult werden. „Bis es sitzt“, sagt Löw. „Die Spieler müssen sich sicher fühlen.“ Nur so entstünde Selbstvertrauen.

Der Glaube ist ein zentraler Punkt im Klinsmann’schen Masterplan. Ob die Zeit bis zur WM reichen wird, weiß er nicht. Wie nah sein Team der Idealvorstellung kommt, „wissen wir erst beim ersten Spiel“, sagt Klinsmann. Er hat angekündigt, dass die Trainingsintensität selbst während des Turniers hochgehalten werden soll. „Gemäß unserem Naturell wird so gespielt, wie trainiert wird“, sagt Klinsmann. Wenn die Mannschaft intensiv trainiere, werde sie diese Intensität auch mit ins Spiel nehmen. „Das glaube ich zumindest.“

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