Sport : Die Krise beim Nicht-Krisen-Klub

Hat der Präsident die Lage beim 1. FC Union lange verharmlost?

André Görke/Robert Ide

Berlin. Wenige Wochen vor Saisonbeginn war es, als Heiner Bertram, der Präsident des Zweitligisten 1. FC Union, sagte: „Wir sind kein Krisenverein.“ Und: „Gehaltskürzungen bringen nichts.“ Kurz darauf, im August, verkündete er: „Wir sind ein solide geführter Verein. Anderen Profiklubs geht es weitaus schlechter.“ Und vor einem Monat sagte Bertram: „Wir haben die Dinge klar im Griff.“

Am Montag jedoch blieb nur Fassungslosigkeit. Bertram hatte den Spielern mitgeteilt, dass sie bis 30. Juni 2003 auf 20 Prozent ihres Gehalts verzichten sollen. Damit „beugen wir einer etwaigen Zahlungsunfähigkeit in der Rückrunde vor“. Der Verein wollte, dass sich die Spieler bis Freitag Gedanken machen. Denn am Sonntag spielt der 1. FC Union bei Eintracht Braunschweig, „sie hätten die Köpfe dann etwas freier“, sagt Unions Pressesprecher Lars Töffling. Doch die Spieler wollten lieber bis Montag Bedenkzeit haben. Wenn sie dann den Ergänzungsvertrag nicht unterschreiben, dürfen sie in der Winterpause ablösefrei den Verein wechseln.

Bertrams Schritt war mutig, und wahrscheinlich sind Gehaltskürzungen das einzige Mittel, den Klub zu retten. Würde Union im Frühjahr zahlungsunfähig werden, drohte dem Präsidium eine Anzeige. Das Verschleppen der Insolvenz ist strafbar. Die Frage ist: Hat Bertram die Situation zu lange zu harmlos dargestellt? Im Etat befinde sich ein Loch von 700000 Euro, ließ Unions Geschäftsführer Bernd Hofmann mitteilen. Bertram spricht von einer halben Million.

Aber warum droht bei einer so geringen Summe – gemessen an dem, was in der Branche verdient wird – bereits die Insolvenz? „Wir sind kein Wirtschaftsunternehmen. Wir haben keine Immobilien“, sagt Sprecher Töffling. „Unser Loch drohte immer größer zu werden. Das Präsidium musste handeln.“

Bei Union soll nach der Nachricht Ruhe einkehren. Das Tagesgeschäft dürfe nicht vernachlässigt werden, sagt Töffling. So werde Bertram weiterhin für die Grundsanierung des maroden Stadions an der Alten Försterei werben. „Die Planungen laufen parallel zu der Gehälter-Geschichte“, sagt Töffling. Nur: Ist das Projekt nicht gescheitert, wenn droht, dass Union später vielleicht doch zahlungsunfähig sein wird? „Die Situation hat sich jetzt nicht verändert“, sagt Sportsenator Klaus Böger. „Jeder kennt die aktuelle Haushaltslage, Geld haben wir nicht. Aber ich bin gewillt, andere Wege, die zu einer Lösung führen, zu prüfen. Es darf nur nichts kosten.“ Ähnlich drückt sich Dietmar Bothe, Sprecher des Landessportbundes, aus. „Wir sind bereit, das Projekt zu unterstützen, wenn es nicht zu Lasten der allgemeinen Sportförderung geht. Und wir tun dies auch in Krisensituationen.“

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