Sport : Die krumme Kanone

Fredi Bobic war für das Toreschießen nach Berlin geholt worden – das hat bisher nicht so richtig geklappt

Michael Rosentritt

Berlin. Es war der Anfang des heißesten August seit über hundert Jahren. Ganz Berlin fieberte der neuen Bundesligasaison entgegen. Da stolperte Fredi Bobic in der eigenenen Wohnstube über seine Vergangenheit. Die beiden Töchter des Hausherrn hatten gerade die Torjägerkanone in mehrere Teile zerlegt. Die hatte Fredi Bobic als Torschützenkönig (17 Treffer) der Saison 1995/96 bekommen. Er hatte diese kleine Anekdote nur beiläufig erzählt und laut darüber gelacht. Ein Vierteljahr später hat sich diese Angelegenheit als schlechter Witz erwiesen.

Wolfsburg, vergangenen Samstag. Fredi Bobic kämpft, er ist richtig wild, er haut sich rein. Nur leider an der falschen Front. Erst macht Herthas Mittelstürmer eine abfällige Handbewegung in Richtung des Linienrichters, dann ist er in eine verbale Auseinandersetzung mit dem Schiedsrichter verwickelt. Bobic hatte gerade eine gute Torchance vergeben. Er war gefrustet und wusste, dass er an diesem Nachmittag nicht mehr viele Gelegenheiten kriegen würde. Die Mannschaft war zu schwach für Wolfsburg, und er würde mal wieder kein Tor schießen. Neu war dafür, dass nach dem Spiel erstmals ein Hertha-Spieler öffentlich hart kritisiert wurde. „Von ihm bin ich besonders enttäuscht“, sagte Rupert Scholz. Der Chef des Aufsichtsrats ärgerte sich vor allem über Bobics Auftritt gegenüber dem Schiedsrichter und dessen Assistenten. „Das sind nicht seine Gesprächspartner“, sagte Scholz. „Er soll mit seinen Mitspielern reden und ihnen mit seiner Erfahrung helfen.“

Denn auch dafür war Bobic im Sommer nach Berlin geholt worden. Manager Dieter Hoeneß pries Bobics Charakter, seine Persönlichkeitsstruktur und Streitkultur. Der Mann habe seine Sicht der Dinge und äußere sie auch. Ob es seinen Zuhörern nun passt oder nicht. Da spielte es keine Rolle, dass der mittlerweile 32-Jährige nicht mehr der Jüngste ist. Er sollte sofort helfen. Und Bobic nahm den Ball gerne auf. Der Torjäger krabbelte mit Reportern aufs Brandenburger Tor und sagte, dass Hertha mit ihm ganz oben angreife. Heute, ein Vierteljahr später, ist Hertha unten angekommen. Die Mannschaft spielt so schlecht wie lange nicht, und der Sturm ist mit acht erzielten Toren der zweitschwächste der Bundesliga. Und auch Fredi Bobic weiß keine Antworten mehr.

Als sich die Mannschaft rings um das Ultimatum für Trainer Stevens (zwei Spiele, zwei Siege) zum gemeinsamen Schweigen verpflichtet hatte, plauderte Bobic nach einem Training mit Journalisten. Als ihn einer auf die Abmachung der Mannschaft ansprach, antworte Bobic nur: „Ich entscheide, wann ich Lust habe zu reden.“

Reden ist das eine, Argumente zu haben das andere. Neben Torwart Gabor Kiraly ist Bobic der Einzige im Team, der in allen elf Bundesligaspielen in der Anfangself stand. Gerechtfertigt hat er das so gut wie nie. Drei Tore hat er erzielt. Da fällt jede Argumentation schwer. Auch für die Vereinsführung.

14 Tore hatte Bobic in der vergangenen Saison für Hannover erzielt. Nur irgendwie haben Manager und Trainer vor seiner Verpflichtung nicht genau genug hingeschaut. Bobic braucht eine besondere Sorte von Anspielen. Anspiele im Strafraum – egal von welcher Seite und welcher Schärfe. Wenn die Vorlagen richtig kommen, braucht Bobic nur einen Kontakt, um den Ball ins Tor zu befördern. Selbst den Ball erkämpfen, mit ihm in den Strafraum eindringen und dort eventuell noch ein, zwei Gegenspieler ausspielen, das ist nicht seine Stärke. Als mit Marcelinho Herthas bester Vorlagengeber noch verletzt war, konnte Bobic sich relativ leicht mit einer Systemkritik herausreden. Er bekomme zu wenig Flanken, und es fehlten die überraschenden Anspiele aus dem Halbfeld. Oft sah es dann so aus, als habe Bobic resigniert. Nach der Niederlage von Wolfsburg sagte Bobic, dass man sich nicht von dem ganzen Theater, das draußen passiert, anstecken lassen dürfe. „Ich für meinen Teil schaffe das.“

Mit der Bekanntgabe, Fredi Bobic verpflichtet zu haben, hatte Dieter Hoeneß im Mai die aufgewühlte Stimmung der Mitgliederversammlung drehen können. Der Manager war mit reichlich Beifall bedacht worden. Den wird es so schnell nicht geben. Im November ist wieder Mitgliederversammlung.

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