Sport : Die Kunst des Schönredens

Oliver Trust

Am Ende hatte Kurt Jara das berühmte Kopfproblem diagnostiziert. "Im Training hauen sie die Dinger mit viel Risiko rein", klagte der Trainer des Hamburger SV, "im Spiel leider nicht." Grund zur Panik, befand der 51 Jahre alte Österreicher, bestehe dennoch nicht. Dabei weiß Jara genau, dass sie ihn aus Angst vor einer Panik als Nachfolger von Frank Pagelsdorf für eine Millionen-Ablöse geholt hatten. Und nun das: Mit nur 20 Punkten rutscht der stolze HSV, der mit teurer Mannschaft und modernem Stadion von internationalen Wettbewerben träumte, Richtung Tabellenkeller ab. Jara aber verteidigt tapfer seine taktischen Umstellungen als "deutliche Verbesserung seit dem Herbst" und kann selbst nach einer deutlichen 0:3-Niederlage beim VfB Stuttgart keinen Makel an seinem neuen taktischen Konzept mit fünf Stürmern, Sergej Barbarez als wirkungslosem Regisseur und Raphael Wicky als überfordertem Abräumer im defensiven Mittelfeld finden. Unverdrossen übt sich Kurt Jara in der Kunst des Schönredens. Das klingt bei ihm so: "Spielerisch und organisatorisch bin ich zufrieden. Wir hatten mehr Chancen. Und auswärts ist das schon was".

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Der Optimismus des Trainers färbte an diesem Tag nicht ab. Im Sauseschritt und mit gesenktem Blick eilten die HSV-Profis davon. "Was gibt es zu dieser Leistung zu sagen?", fragte Eric Meijer. Und antwortete: "Dazu gibt es nichts zu sagen." Ingo Hertzsch benutzte gar Formulierungen, die sie in den elitären Zirkeln des hanseatischen Klubs nicht gerne hören: "Wir müssen nach hinten schauen und dürfen das Tabellenende nicht aus den Augen verlieren." Da besteht wohl vorerst wenig Gefahr. Dabei sollte mit Kurt Jaras Dienstantritt im Oktober vergangenen Jahres alles besser werden. "Jetzt von einem Rückfall in alte Zeiten zu sprechen, wäre zu früh", sagt Sportdirektor Holger Hieronymus. Allerdings konnte Hieronymus Jaras Einschätzung nicht teilen, der HSV habe das Spiel kontrolliert. "Stuttgart hat mit uns gespielt", stellte der Manager klar. Sie werden nun viele Gespräche hinter verschlossenen Türen führen. "Noch", meinte Hieronymus vielsagend, "sei es nicht angebracht, den Stab über der Mannschaft zu brechen."

Selbst Bernardo Romeo, der 5,5 Millionen Euro teure Stürmer aus Argentinien, konnte nicht verhindern, dass sein Team am Ende vorgeführt wurde. "Für ihn wäre das ein toller Einstand gewesen, wenn sein Tor gegolten hätte", klagte Jara. Schiedsrichter-Assistent Stefan Trautmann aber wollte den Ball nicht hinter der Linie gesehen haben, als Romeo mit einem Heber Stuttgarts Torwart Timo Hildebrand überlistete. "Eine Frechheit", tobte Klubchef und Ligapräsident Werner Hackmann aufgebracht und kündigte an, sich künftig für den Fernsehbeweis einzusetzen. "Vielleicht", orakelte Kurt Jara, "wäre das Spiel anders gelaufen mit einer 1:0-Führung." Immerhin sei man sonst nie ausgespielt worden. Andere sprachen hinter vorgehaltener Hand lieber vom Abstiegskampf. Trägt der Optimismus von Kurt Jara nicht bald Früchte, muss sich der neue Mann auf ganz harte Zeiten einstellen.

Die Stuttgarter, allen voran deren bester Vertreter Krassimir Balakow, nutzten kühl die Hamburger Konzeptlosigkeit. "Wir bleiben auf dem Boden", versicherte der Bulgare. Und: "Diese junge Mannschaft braucht Ruhe." Für die möchte weiter Manager Rolf Rüssmann sorgen. "Wir wollen jungen Spielern eine Perspektive bieten und den Imagewandel fortsetzen", beschrieb Rüssmann sein Fußball-Modell. Wie weit die Stuttgarter schon sind, überraschte selbst Fernando Meira, den 7,5 Millionen Euro teuren Zugang von Benfica Lissabon. "Ehrlich gesagt, ich habe nicht damit gerechnet, dass die Mannschaft so gut spielt." Die Hamburger meinte er damit nicht.

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