Sport : Die Kunst des Versteckens

Herthas peinlicher Auftritt gegen Werder Bremen wirft Fragen auf – die Antworten sind erschreckend

Klaus Rocca

Von Klaus Rocca

Berlin. Gerade hatte er Alex Alves zum Training chauffiert. Kaum hatte er seinen prominenten Fahrgast abgesetzt, sprudelte es aus Heinz Kressin heraus: „Ich bin nun 40 Jahre bei Hertha BSC, aber so ein Spiel habe ich noch nie gesehen. Hertha hat schon höher verloren, auch schon schlechter gespielt. Aber sich so aufzugeben, das ist für mich völlig neu.“ Dieses Spiel, diese 0:1-Niederlage gegen Werder Bremen, wird der Hertha-Fan, der für seinen Verein eine Art Mädchen für alles ist, so schnell nicht vergessen.

Auch gestern, lange nach dem schwer zu begreifenden Nebelkick im Olympiastadion, herrschte Ratlosigkeit beim Berliner Fußball-Bundesligisten. Wie hatte man, da bis auf den FC Bayern München die Konkurrenz für Hertha spielte, die Chance auf einen Spitzenplatz so widerstandslos, so ohne jedes Engagement, leichtfertig wegwerfen können? „Für die großen Ziele fehlt uns die Siegermentalität“, sagte Dieter Hoeneß. Herthas Manager kann nach eigenem Bekunden nichts so schlecht wie verlieren. Deswegen traf ihn das Spiel besonders hart, diese Weigerung seiner Profis, sich zu wehren, sich aufzubäumen. Von Leidenschaft war an diesem trüben Nachmittag bei den Hauptdarstellern auf dem Rasen nichts zu spüren. Sie spielten „absoluten Mist“ (Routinier Bart Goor), sie versteckten sich vor der Verantwortung. Offenbar war es ein mentaler Blackout.

Nicht nur. Herthas Trainer Huub Stevens hatte in der zweiten Halbzeit ein „völliges Versagen hinsichtlich der Taktik“ ausgemacht. Seine Mannschaft habe es immer nur durch die Mitte versucht, ausschließlich mit der Brechstange. Nur: Die Taktik gibt nun mal der Trainer vor. Und wenn Stevens während des Spiels bemerkt, dass nur durch die Mitte und nicht über die Außenpositionen angegriffen wird, dann bedarf es doch nur einiger lautstarker Anweisungen. Blieben sie aus oder wurden sie ignoriert? Huub Stevens sagt, er habe sie gegeben. Befolgt wurden sie allerdings von seinen Spielern bis zum Schlusspfiff nicht.

Zum modernen Fußballspiel gehört auch, dass sich die Außenverteidiger mit ins Angriffsspiel einschalten. Arne Friedrich, von Stevens und Hoeneß gleichermaßen als einziger gut spielender Berliner gelobt, tat das sehr selten. Und Marko Rehmer, der in der Nationalmannschaft zu seinen guten Zeiten mit couragierten Sturmläufen auf der rechten Außenposition beeindruckte, ging bis zu seinem verletzungsbedingten Ausscheiden (Zerrung) so gut wie nie über die Mittellinie. Nun spielt Rehmer im Verein allerdings auch auf einer völlig anderen Position als in der Nationalmannschaft, nämlich im zentralen Abwehrbereich. Spätestens wenn der angeschlagene van Burik wieder fit ist, wird Rehmer wohl wieder nach außen rücken – und dort auch wertvoller sein.

Die Defizite in der Defensive waren das eine Problem. Das andere dokumentiert sich in nicht einem herausgespielten Eckball, in keiner einzigen echten Torchance. Warum nur hatten die Berliner nicht umgesetzt, was Mannschaftskapitän Michael Preetz vor dem Spiel angekündigt hatte: so oft wie möglich aufs Tor zu schießen und stets nachzusetzen, die Schwächen des Bremer Torhüters Pascal Borel auszunutzen. Doch erst nach einer halben Stunde flog erstmals ein Ball in Richtung Borel, nicht ein einziger der ganz wenigen Schüsse rief Gefahr für eine der anfälligsten Abwehrreihen der Liga hervor. „Wir haben uns diesmal vor allem darauf konzentriert, in der Deckung diszipliniert zu spielen. Und Pascal hat keine Schwäche gezeigt“, sagte Werders Sportdirektor Klaus Allofs. Wobei unklar blieb, wie Borel angesichts der Berliner Harmlosigkeit überhaupt Schwächen hätte zeigen können. Außer bei Rückpässen seiner Kollegen.

Nein. Herthas unansehnliches Gekicke war nicht nur ein mentales Problem, es war auch eine Folge von nicht befolgter Taktik und ignorierten Vorhaben. Besonders ärgerlich war, dass diese peinliche Vorstellung gerade vor dem Hinspiel in der dritten Runde des Uefa-Cups am Dienstag an gleicher Stätte gegen den FC Fulham geboten wurde. „Wenn wir dieses Spiel auch noch in den Sand setzen, könnten wir zu Weihnachten mit leeren Händen dastehen“, sagt Arne Friedrich. Eine höchst erschreckende Perspektive. Auch und vor allem, weil angesichts der angespannten Finanzlage jetzt im internationalen Wettbewerb das große Geld geholt werden muss.

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