Sport : Die Last des Erfolgs

Wie Herthas Trainer Stevens mit der Hypothek umgeht, den Uefa-Cup schon mit Schalke geholt zu haben

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Von Sven Goldmann

Aberdeen. Huub Stevens hat schlechte Laune. Seit zehn Minuten erzählt er jetzt schon von Zerrungen und Prellungen und Bronchitis. Am Vormittag haben sich mit Eyjölfur Sverrisson, Marko Rehmer und René Tretschok die Profis Nummer neun bis elf verletzt beziehungsweise krank gemeldet. Und der Fußballtrainer Stevens weiß nicht so recht, mit welcher Aufstellung er seine Mannschaft, Hertha BSC, in das Uefa-Cup-Spiel am Dienstag gegen den FC Aberdeen schicken soll. „Keine Mannschaft der Welt kann es verkraften, wenn neun oder zehn Stammspieler ausfallen“, sagt der Holländer und guckt unwillig ins Auditorium.

In Deutschland genügt dieser Blick, um jedes Gespräch binnen Sekunden zu beenden. Aber die schottischen Journalisten kennen den Holländer und seine Launen nicht. Sie fragen munter weiter, wer denn nun alles verletzt sei und was er denn vom FC Aberdeen halte, und Huub Stevens’ Laune wird immer schlechter. Ganz zum Schluss will dann noch einer wissen, „ob Sie Berti Vogts mal wegen Aberdeen angerufen haben“. Jetzt muss Stevens doch lachen. Nein, ganz so schlecht geht es ihm und Hertha BSC nun doch nicht, dass er den schottischen Nationaltrainer mit der Lizenz zum Misserfolg um Rat bitten muss. Das macht ihm Spaß. Die Laune des Trainers wird auf einmal besser. Die schottischen Journalisten haben das Berliner Mannschaftshotel schon längst verlassen, da sieht man Huub Stevens immer noch vergnügt mit seinem Manager Dieter Hoeneß plaudern.

Huub Stevens hat in den vergangenen Wochen nicht oft gelacht. Das liegt auch an seinem Naturell. Einer, der gut die Hälfte des Tages mit dem Analysieren und Vorbereiten von Fußballspielen verbringt, der ohnehin „nur Fußball denkt“ (Kotrainer Holger Gehrke), der mag sich nicht von Nebensächlichkeiten ablenken lassen. Wenn es dann auch noch sportlich so schlecht läuft wie anfangs bei Huub Stevens und Hertha BSC, dann ist der Perfektionist aus Limburg alles andere als ein auf Dritte angenehm wirkender Zeitgenosse.

Schon bei seinem vorherigen Arbeitgeber Schalke 04 haben sie sich darüber gewundert, wie persönlich Huub Stevens jede Niederlage nimmt. Als es ihm in Gelsenkirchen mal ganz schlecht ging, hat er verlorene Spiele stets mit zwei immer wiederkehrenden Sätzen kommentiert: „Wir haben zu wenig über die Seiten gespielt“ und: „Wir haben unsere Torchancen nicht genutzt.“ Nachfragen wurden mit jenem bösen Blick geahndet, den seit gestern auch die schottischen Journalisten kennen.

Bei Schalke war Huub Stevens ein Held. Im Oktober 1996 hatte er die Mannschaft übernommen, und niemand nahm es ihm übel, dass Schalke am Saisonende nur auf Platz zwölf landete. Denn zum einen hatte ihm sein Vorgänger Jörg Berger ein kickendes Chaos hinterlassen, zum anderen verdankte Schalke ihm den größten Erfolg der Vereinsgeschichte, den Sieg im Uefa-Pokal. Wen interessiert da schon die Bundesliga?

Huub Stevens weiß, dass die Voraussetzungen zum Beginn seines Engagements in Berlin andere sind. Hier ist er nicht der unbekannte Holländer mit der Jack-Nicholson- Aura, sondern der Erfolgstrainer, der mit Schalke den Uefa-Cup und zweimal den DFB-Pokal gewonnen hat. Hier darf die Bundesliga nicht nebenbei laufen, und das Jahr der Eingewöhnung, das Stevens für sich beansprucht, wird man ihm auch nicht gewähren. Huub Stevens muss Hertha in die Champions League führen. Und im Uefa-Cup hat Manager Hoeneß das Überwintern als Zielvorgabe definiert. Mit dem Ausscheiden aus dem DFB-Pokal hat Stevens das im zugestandene Misserfolgspotenzial ausgeschöpft.

Bisher hat Huub Stevens in der Bundesliga stets beste Erfahrungen mit seinen Vorgesetzten gemacht. In Gelsenkirchen hat ihn Rudi Assauer in Zeiten des Misserfolgs – und das waren gut zwei Jahre – bis zur Selbstverleugnung gestützt, als es ganz hart kam mit einer Kampagne vom Boulevard gar mit den Worten: „Wenn Huub Stevens geht, dann gehe ich auch.“ In Berlin hat Dieter Hoeneß nach dem Fehlstart in die Bundesliga gesagt: „Die Diskussion über den Trainer lasse ich nicht zu. Es ist schade, dass den Spielern dieses Alibi gegeben wird.“ In Aberdeen versucht er die Situation zu entkrampfen mit dem Hinweis darauf, „dass ich hier noch eine Rechnung offen habe“. 1983 ist der Mittelstürmer Dieter Hoeneß mit dem FC Bayern München im Europapokal der Pokalsieger am FC Aberdeen gescheitert.

Natürlich interessiert den Manager Dieter Hoeneß das vor dem heutigen Spiel wenig bis gar nicht, aber es ist eine schöne Anekdote, die ablenken soll vom Trubel daheim. So wie die Geschichte mit Huub Stevens und Berti Vogts, der sich das Spiel heute mit seinem alten Assistenten Rainer Bonhof im Stadion ansehen wird. Der frühere Bundestrainer wäre, wenn denn Hertha die nächste Runde erreicht, vielleicht ganz froh über ein Gespräch mit Stevens. Irgendeiner muss ihm doch mal sagen, wie man mit diesen Schotten umspringen muss.

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