Sport : Die Last im Kopf

Bayern Münchens Nationalspieler Sebastian Deisler leidet an einer Depression

Daniel Pontzen

München. Gudrun Potthoff hatte den Anruf sofort durchgestellt. Eigentlich hatte die Sekretärin von Uli Hoeneß Sebastian Deisler nur einen Gesprächstermin ausrichten sollen, doch der junge Mann am anderen Ende der Leitung sah sich nicht im Stande zu erscheinen. „Ich kann nicht mehr, ich brauche Hilfe“, habe Deisler wenig später zu Hoeneß gesagt, und dann ging alles sehr schnell. Hoeneß und Trainer Ottmar Hitzfeld besuchten Deisler zu Hause, Vereinsarzt Dr. Müller-Wohlfahrt stellte den Kontakt zu Professor Florian Holsboer her. Gestern bestätigte der Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie: „Sebastian Deisler ist bei uns seit anderthalb Wochen in stationärer Behandlung. Er ist in einer Depression.“

Ein paar Wochen nach dem Hannoveraner Jan Simak hat die Bundesliga ihren zweiten Depressionsfall. Sebastian Deisler, 20facher Fußball-Nationalspieler, hat der Belastung seines sehr speziellen Alltags nicht mehr standhalten können. Die öffentliche Reaktion darauf spiegelte die Probleme wider, die Deisler mit der Bundesliga zuletzt beklagt hatte. Sebastian Deisler lief in den Nachrichten rauf und runter, die von den Bayern eilends einberufene Pressekonferenz wurde zunächst live von n-tv übertragen und später noch einmal in voller Länge wiederholt. Es hatte sich schon seit längerem abgezeichnet, dass Sebastian Deisler die Gepflogenheiten des Geschäfts Bundesliga nicht so sehr liegen wie anderen Profis. Er hat es nie geschätzt, ein Leben für die Öffentlichkeit zu leben, deshalb hat er früh nach Alternativen Ausschau gehalten. Dem für Bundesliga-Beschäftigte seiner Altersklasse charakteristischen Interesse an Styling-Trends und Designer-Duschtäschchen hat er sich verweigert. Stattdessen forschte er wie Mannschaftskollege Mehmet Scholl im Buddhismus nach dem tieferen Sinn des Lebens, in der Sommerpause traf er den Dalai Lama, als der in Hessen weilte.

Übersteigerter Leistungsdruck in der Bundesliga war bislang kein großes Thema. „Werden ja auch gut dafür bezahlt“, wird eilig entgegengehalten. Derweil hat die Vermarktung zu einer Omnipräsenz gerade derjenigen geführt, die der Sparte Superstars zugerechnet werden. Dafür ist seit Jahren auch Sebastian Deisler vorgesehen. Er hatte da hineinzuwachsen. Punkt.

Laien mag der Zeitpunkt der Erkrankung überraschen. Nach einem auskurierten Muskelfaserriss hatte Deisler zuletzt brilliert; war gegen Bochum und Dortmund jeweils stärkster Münchner. Doch für die Entwicklung einer solchen Depression sei dies unerheblich, sagt Holsboer. Dafür benötige es keinen speziellen Auslöser. Es seien zu viele Dinge zusammengekommen, die Erwartungen, die Deisler in sich setzte, seien zu groß gewesen, beruflich wie privat.

Familie und Freunde, allen voran seine schwangere Lebensgefährtin Eunice, könnten beim Genesungsverlauf eine wichtige Rolle spielen. Besuch von ihnen kann Deisler jederzeit empfangen. Aus dem Verein hat er noch keinen Besuch erhalten. „Wir warten auf ein Signal von ihm, und er weiß, dass wir jederzeit für ihn da sind“, sagte Bayerns Manager Uli Hoeneß.

Erfreulich an diesem tristen Tag vor dem Münchner Derby war lediglich die Prognose. „Wenn zu Beginn einer Behandlung einer Depression schnelle Anzeichen einer Besserung festzustellen sind“, erklärte Holsboer, sei dies „eines der besten Vorhersagemerkmale“ einer vollständigen Genesung. Und diese ersten Besserungen habe er bei Deisler registrieren können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben