Sport : Die laufende Mutter

Die wenig erfahrene Irina Mikitenko ist Favoritin

Frank Bachner

Vanessa Mikitenko ist nicht bloß ausgerutscht, sie brach sich dabei auch noch ein Schlüsselbein. Es tat höllisch weh, und für Irina Mikitenko spielte es plötzlich keine Rolle mehr, warum sie in St. Moritz war, dass sie in der Höhe hart trainieren und fast 180 Kilometer pro Woche laufen wollte. Irina Mikitenko war jetzt „in erster Linie Mutter“. Die Mama kümmerte sich um ihr weinendes Kind. Vanessa Mikitenko ist drei Jahre alt.

Ein verletztes Kind stört natürlich die Konzentration, Training wird da zur Nebensache. Ob sie das aus dem Rhythmus gebracht hat, als sie sich auf den Berlin-Marathon vorbereitete, kann Mikitenko nicht sagen. Sie hat sich jedenfalls ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: „Ich will hier gewinnen.“

Im vergangenen Jahr wurde die Mutter von zwei Kindern Zweite, in 2:24:14 Stunden. Es war ihr Marathon-Debüt, es war das schnellste Debüt, das jemals eine deutsche Athletin geliefert hatte. Im Frühjahr dann gewann sie den hochklassig besetzten London-Marathon. In der Gesamtwertung der World Marathon Majors, der Serie der fünf weltgrößten Marathonläufe, kann sie mit einem Sieg die Führung in der Gesamtwertung übernehmen. Sie ist einfach die natürliche Favoritin in Berlin.

Aber bei Mikitenko kommt auch noch etwas Symbolik ins Spiel. Hier geht es auch um Revanche, um Genugtuung. Irina Mikitenko hätte gerne bei den Olympischen Spielen in Peking im Marathon eine Medaille gewonnen. Aber eine Rückenverletzung wegen eines Beckenschiefstands verhinderte ihren Start. Also saß sie zu Hause im hessischen Freigericht vor dem Fernseher, als der Marathon übertragen wurde, schaltete aus, schaltete wieder ein, schaltete wieder aus, weil sie die Bilder nicht ertragen konnte. „Dieser Lauf war wie für mich gemacht“, sagt sie. Das Ende des Rennens sah sie sich dann doch an, weil es sie schließlich brennend interessierte, wer Gold gewinnen würde. Es war Constantina Tomescu aus Rumänien.

Na gut, dann greift Irina Mikitenko eben in vier Jahren an, 2012 in London. Die gebürtige Kasachin ist jetzt 36, aber was sind schon 36 Jahre? Gar nichts, sagt Mikitenko. „Das ist das optimale Marathon-Alter.“ Sie steht erst am Beginn ihrer Marathon-Karriere. 5000-Meter-Rennen ist sie jetzt lange genug gelaufen, sie hält immer noch den deutschen Rekord auf dieser Strecke; sie wurde 1999 WM-Vierte und 2000 Olympia-Fünfte. „Aber beim Marathon habe ich noch Reserven.“ Sie kann zum Beispiel die Umfänge erhöhen. 180 Kilometer pro Woche sind ihr Schnitt, 200 Kilometer hat sie zwei-, dreimal gemacht, einige Konkurrentinnen absolvieren locker 30, 40 Kilometer mehr.

Und dann ist da noch ihr Drang zur Geschwindigkeit. Sie neigt dazu, auf der ersten Hälfte der Strecke zu schnell zu laufen. In Berlin werden das zwei Tempomacher verhindern, und die werden von Alexander Mikitenko auf seinem Fahrrad überwacht. Irina Mikitenkos Gatte ist auch ihr Trainer, er hat ihr frühzeitig klargemacht: „Bis Kilometer 30 bin ich der Chef, danach kannst du dein Tempo laufen.“

Aber sie kann das noch nicht richtig. Nach ihren beiden Marathonläufen hatte sie sich selbst angeklagt: „Du hast ein paar Minuten verloren.“ Sie kann ihre Kräfte noch nicht so einteilen, dass sie ans absolute Limit geht. „Ich möchte mal so schnell laufen, dass ich nach dem Ziel keinen Schritt mehr machen kann.“

Doch vielleicht ist das ja gar keine so gute Idee. Wer weiß denn, was dann mit Alexander Mikitenko passiert, möglicherweise kippt er dann um. 2007, als sie in Berlin Zweite wurde, da wartete er im Ziel auf seine Frau. Irina Mikitenko blickte erschöpft zu ihrem Gatten und Trainer, er sollte sie jetzt in den Arm nehmen und sie auffangen. Aber Alexander Mikitenko war kalkweiß im Gesicht, er benötigte selber eine Stütze. Die Gattin erledigte auch noch diesen Job.

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