Sport : Die Legende lebt

Noch immer wird die Formel 1 in Brasilien von den Massen geliebt – lange nach dem Tod Ayrton Sennas

Karin Sturm

São Paulo. Ganz so wie früher ist es nicht mehr: In Brasilien gab es zur Grand- Prix-Zeit außer der Formel 1 nie ein anderes Thema, die Begeisterung übertraf Anfang der Neunzigerjahre sogar die Fußball-Hysterie. In erster Linie lag das am Nationalhelden Ayrton Senna, der 1993 zum letzten Mal vor seinem Unfalltod am 1. Mai 1994 in Imola sein Heimrennen gewann. Die vielen Unterprivilegierten Brasiliens sahen in Senna und seinen Erfolgen die Lichtgestalt, „die uns Stolz und Freude schenkt“, wie es einmal ein Fan ausdrückte.

Heute, neun Jahre nach Sennas Tod, hat Brasilien im Motorsport keinen großen Helden mehr – aber entgegen allen Prophezeiungen ist das Interesse am Millionenzirkus Formel 1 nicht erloschen. Bei den ersten beiden Saisonrennen konnte der Fernsehsender TV Globo wieder sehr gute Einschaltquoten verbuchen. Die Formel 1 ist einer der wenigen Bereiche, in denen der von Krisen heimgesuchte Sender noch Gewinne macht. Und auch heute noch sparen selbst die Armen lange, um sich einen Grand-Prix-Besuch leisten zu können. Einfach um einmal dabei gewesen zu sein. Auch wenn die billigsten Karten ungefähr so viel kosten wie ein Mindest-Monatsgehalt – umgerechnet etwa 60 Euro.

Carlos Eduardo Bueno ist Formel-1-Fan der ersten Stunde in Brasilien. Er erlebte als Kind mit seinem Vater die Auftritte von Emerson Fittipaldi in Interlagos, später sah er Nelson Piquet in Rio, den Übergang der Erfolge von Piquet zu Senna und die Rückkehr des Rennens nach São Paulo. „Ich hoffe sehr, dass wir endlich wieder einen Superstar bekommen“, sagt der Brasilianer. Wobei er leise anfügt: „Aber einen wie Senna wird es sowieso nicht mehr geben."

Der dreimalige Weltmeister, der „zwei Stufen über allen anderen stand“, wie Gerhard Berger einmal formulierte, hat für alle potenziellen Nachfolger eine hohe Messlatte aufgelegt. Ob für Rubens Barrichello, Antonio Pizzonia, Cristiano da Matta oder Felipe Massa. Und für alle künftigen Hoffnungsträger, die da noch kommen könnten.

Ayrton Senna hat in Brasilien nicht nur sportliche Spuren hinterlassen. Die Ayrton- Senna-Stiftung, geführt von seiner Schwester Viviane, versucht, einen seiner Träume zu verwirklichen: Hilfe für Kinder und Jugendliche.Inzwischen ist die Stiftung zu einer der bekanntesten Einrichtungen dieser Art in Brasilien geworden. Und Viviane Senna sitzt in einer vom neuen brasilianischen Präsidenten Lula eingerichteten Kommission, die sich um die Verbesserung der sozialen Verhältnisse im Lande kümmern soll. Die Stiftung kann einiges vorweisen: Mit den Millionen aus Lizenzeinnahmen und aus der Industrie – so zahlt zum Beispiel Audi, Senna-Geschäftspartner seit 1993, in fünf Jahren fünf Millionen Dollar – werden derzeit in Brasilien etwa 25 verschiedene Ausbildungs- und Erziehungsprogramme unterstützt, in denen 180 000 Kinder und Jugendliche betreut werden.

Und das Beispiel Senna hat an vielen Stellen Vorbildfunktion: In Deutschland gibt es zum Beispiel den Verein „Aufgehende Sonne", der von engagierten Motorsportfans gegründet wurde. Das Projekt versucht, das Leben brasilianischer Straßenkinder zu verbessern. Das „Haus für Minderjährige – Freude und Hoffnung“ in Embú, 30 Kilometer vom Stadtzentrum São Paulos entfernt, bietet seit 1998 jetzt gut 30 Mädchen zwischen fünf und 17 Jahren eine neue Heimat und kümmert sich um Schule, Berufsausbildung, soziale und medizinische Betreuung der Kinder.

Die Verbindung zur Formel 1 ist dabei immer spürbar: Am Mittwoch werden die beiden Sauber-Piloten Nick Heidfeld und Heinz-Harald Frentzen die Mädchen besuchen – Heidfeld war vor zwei Jahren schon einmal da und sehr beeindruckt. Frentzen hat vor einiger Zeit bereits einen finanziellen Beitrag zur Hilfe geleistet.

Auch TV Globo versucht übrigens, die Popularität der Formel 1 für das eigene soziale Engagement zu nutzen: mit einem Benefiz-Fußballspiel für ein Kinderhilfsprogramm beim derzeitigen brasilianischen Meister, dem Pelé-Club FC Santos. Der Star dabei heißt Michael Schumacher.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben