Sport : Die letzte Diva

Mary Pierce erreicht bei den French Open das Finale und versöhnt sich mit Frankreichs Tennispublikum

Christian Tretbar[Paris]

Ihr Leben ist ein Film. Und sie ist Regisseurin und Hauptdarstellerin in einem. Mary Pierce, die letzte Diva im Damentennis, hat viele Höhen und Tiefen durchlebt und steht nun vor einer weiteren großen Episode ihrer Karriere. Im Halbfinale der French Open setzte sie sich deutlich gegen die 29-jährige Russin Elena Lichowtsewa durch. Gerade einmal 58 Minuten brauchte sie für ihren souveränen 6:1, 6:1-Sieg. Im Finale trifft sie auf die Belgierin Justin Henin-Hardenne, gegen die sie im vergangenen Jahr im Viertelfinale bei den Olympischen Spielen mit 4:6, 4:6 verlor. „Es ist unglaublich und ein fantastisches Gefühl, wieder im Finale zu stehen“, so Pierce. Es wird ihr fünftes Grand-Slam-Finale sein. Zweimal ging sie bisher als Siegerin vom Platz: 1995 in Melbourne und 2000 in Paris.

Mit ihrer Finalgegnerin, die als Favoritin in das Spiel geht, fühlt sie sich verbunden: „Ich verehre sie als Spielerin, aber auch als Person, weil sie schwere Zeiten durchlebt hat.“ Genau das passierte auch Mary Pierce in ihrer Karriere. Verletzungen haben sie oft zurückgeworfen. Aber viel schwerer wogen bei ihr die familiären Tiefen. Und ihre Suche nach der eigenen Identität. Pierce ist überall und nirgends.

Geboren wurde sie in Montreal als Tochter einer französischen Mutter und eines amerikanischen Vaters. Sie wohnt in Bradenton/Florida in der Nähe von Nick Bollettieris Tennisakademie. Zum Training jettet sie nach Paris. Und für die Turniere reist sie um die ganze Welt. Bestimmt war ihr Leben lange von ihrem Vater Jim. Er hat sie zum Profitennis gebracht – mit fragwürdigen Methoden. Jim Pierce hat seine Tochter mehr gezüchtigt als trainiert. Er war Peiniger und Förderer zugleich. Auf den Tennisplätzen ist er als Choleriker berühmt geworden. Alles und jeden hat er beschimpft und beleidigt, was die WTA, die Tennisorganisation der Frauen, dazu veranlasste, den so genannten „Jim-Pierce-Paragraphen“ zu erlassen. Demnach kann eine Spielerin bestraft werden, wenn einer ihrer Repräsentanten, Trainer oder Familienangehörigen dem Tennis schadet.

Nicht nur deshalb hat sich Pierce, als sie gerade 18 Jahre geworden war, von ihrem Vater losgesagt. Mit einer Unterlassungsklage verweigerte sie ihrem Vater, sich ihr zu nähern oder sie zu Turnieren zu begleiten. Von der WTA erhielt er Hausverbot. Die junge Halbfranzösin hatte so große Angst vor ihrem Vater, dass sie 1994 sogar wegen ihm auf die Teilnahme in Wimbledon verzichtete.

Mittlerweile ist Jim Pierce 68 Jahre alt und neu verliebt. „Seine neue Frau kocht sehr gut, und wir essen fast jeden Tag Mittag zusammen“, sagt eine gereifte und entspannte Mary Pierce. Ihr Verhältnis zum Vater hat sich gebessert. Genau wie zu ihrem heimischen Publikum. Für die Franzosen war Pierce immer dann Französin, wenn sie Erfolg hatte. Wenn sie im Tief war – wie in den Jahren nach dem Fed-Cup-Gewinn 1997 – dann war sie vor allem Amerikanerin. Jetzt aber ist Paris wieder verrückt nach Mary. Gecoacht wird sie von ihrem Bruder David, mit dem sie sehr gewissenhaft arbeite. Deshalb sei der Finaleinzug kein Märchen, sondern das Resultat harter Arbeit. „Außerdem haben mich die wenigen Leute, die ich um mich herum habe, sehr unterstützt“, so die 30-Jährige, die auch in ihrem 17. Profijahr den Status einer Diva hat.

Pierce weiß sich zu inszenieren. Auf dem Platz ist sie graziös, stolz, majestätisch. Mit ihrem langen Zopf und durchgedrücktem Kreuz flaniert sie über den Platz. Bis sie aufschlägt, dauert es eine halbe Ewigkeit. Erst wird die Linie weiß geputzt, dann muss es ganz still sein und niemand darf sich rühren, ehe sie den Ball meterhoch wirft und aufschlägt. Auch gegen Lichowtsewa hat sie das bis zur Perfektion betrieben. „Sie lässt sich wahnsinnig viel Zeit, und das hat mich gestört“, gab die Russin nach ihrer Niederlage zu. Pierce weiß um ihren Stil: „Ich liebe es, mir viel Zeit zu lassen. So bin ich eben.“

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