Sport : Die letzten Stunden einer Ära?

Sechsmal in Folge war Alba Berlin Deutscher Meister – heute droht im Play-off-Halbfinale in Braunschweig das Aus

Helen Ruwald

Berlin. Der Hallensprecher hatte als erster die Fassung wieder gewonnen. Alba Berlin hatte das dritte Play-off-Halbfinale gegen TXU Energie Braunschweig 78:81 verloren, da verkündete der Mann: „Ich denke, wir sehen uns am Donnerstag hier in der Max-Schmeling-Halle wieder.“ Doch so einfach wird ein baldiges Wiedersehen nicht. Möglicherweise treffen sich Fans und Alba-Spieler erst im Herbst wieder – zum Beginn der neuen Saison. Am Donnerstag wird in Berlin nur Basketball gespielt, wenn Alba heute das vierte Halbfinalspiel in Braunschweig (19.30 Uhr, Volkswagen-Halle) gewinnt. Die Berliner liegen in der Serie, die nach dem Modus „Best of five“ ausgetragen wird, 1:2 zurück. Eine Niederlage bedeutet das Aus für die Mannschaft, die Basketball in den vergangenen Jahren in Deutschland dominiert hat und von 1997 bis 2002 sechs Mal in Folge den Meistertitel gewann. Wenn am Dienstag gegen 20.45 Uhr der letzte Ball gespielt ist, könnte eine Ära zu Ende gegangen sein, die Ära Alba. Und das ausgerechnet am 43. Geburtstag von Trainer Emir Mutapcic.

Der Mann am Hallen-Mikrofon ist Optimist, die Macher der Alba-Homepage sind Realisten. „Fahrt mit nach Braunschweig! Die Albatrosse stehen vor dem Play-off-Aus. Wir brauchen eure Unterstützung“, lautete gestern die Spitzenmeldung auf der Website der Berliner. Lautstarke Unterstützung täte Alba auch deshalb gut, weil Berlins Vizepräsident Marco Baldi vor einem „Hexenkessel“ warnt, „in dem die Spieler sich nicht beeinflussen lassen dürfen vom Schiedsrichter, von Gegenständen, die aufs Feld fliegen und vom Gegner, der an einem rumzieht“. Baldi fordert „ein heißes Herz, einen kühlen Kopf und viel Energie. Wir haben dort noch einiges zu bestellen.“ Das glaubt auch Bundestrainer Henrik Dettmann, der sich nicht vorstellen kann, „dass es bei Alba viel Angst gibt. Die haben die Qualität, um mit der Situation umzugehen.“ Tatsächlich will sich Baldi, der Positiv-Denker, über ein mögliches Aus und dessen Bedeutung für Alba erst auslassen, „wenn es soweit ist“. Er lacht, als er das sagt. Der immense Druck, unter dem der Klub steht, ist ihm nicht anzumerken.

Starken Druck hatte die Mannschaft schon mehrfach in dieser Saison. In der Europaliga verlor sie im Januar in Zagreb nach kläglicher Leistung. Die letzte Chance auf den Einzug in die Zwischenrunde war dahin. Im Pokalfinale gegen Rhein Energie Cologne siegte Alba trotz 2:21-Rückstands durch einen Korb in letzter Sekunde. Und das fünfte und entscheidende Play-off-Viertelfinalspiel gegen die Skyliners Frankfurt gewann Alba dank einer erstklassigen Leistung just in dem Moment, als es darauf ankam. Doch die beiden Siege errangen die Berliner in eigener Halle, auswärts hat Alba in den Play-offs bislang nur Niederlagen erlitten, zwei in Frankfurt, eine vor einer Woche in Braunschweig.

Um zu siegen, braucht Alba Spieler, die nicht nur mental, sondern auch körperlich fit sind. Aber Kapitän Henrik Rödl fehlt verletzt, und Spielmacher Mithat Demirel wird sich erneut mit einem schmerzenden Fuß über das Feld quälen müssen. Marko Pesic sollte nach seinem Handbruch am Montag erstmals ein Zweikampftraining absolvieren. Sein Einsatz ist allerdings sehr fraglich. Nach fünfwöchiger Pause hätte sein Auflaufen ohnehin eher moralischen als sportlichen Wert. Alba will jedenfalls „kein Risiko eingehen, egal, wie sehr wir mit dem Rücken zur Wand stehen“, sagt Baldi. Pesics Gesundheit geht vor. Die gesunden Bankspieler Kevin Rankin und Teoman Öztürk, von denen gerade in so einer Situation Impulse erwartet werden, blieben am Sonntag blass. Sechs andere Akteure mussten eine halbe Stunde und länger durchhalten – eine kraftraubende Angelegenheit.

Wenn Alba im Halbfinale scheitert und die Telekom Baskets Bonn Meister werden, gewinnt Bonn aufgrund eines komplizierten Punktesystems die Europaliga-Wertung der Basketball-Bundesliga. Zumindest in dieser Hinsicht muss sich Alba wohl keine Sorgen machen. Bonn liegt gegen Bamberg 1:2 zurück und steht vor dem Ausscheiden.

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