Sport : „Die Leute drehen schon mal durch“

Der Cottbuser Mannschaftskapitän Christian Beeck über Fußball in Kriegszeiten und die Krise seines Teams

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Herr Beeck, wenn es nach Ewald Lienen ginge, könnten Sie am Sonntag mit Ihren Kindern spielen, anstatt mit Energie Cottbus bei Hertha BSC anzutreten. Der Mönchengladbacher Trainer hat alle Deutschen aufgefordert, wegen des IrakKriegs die Arbeit niederzulegen, der Bundesliga-Spieltag sollte ausfallen.

Davon halte ich gar nichts. Natürlich kann man argumentieren, dass es den Irakis gegenüber respektlos ist, in dieser Zeit Fußball zu spielen und Spaß zu haben. Aber wenn man so denkt, dürfte man gar nichts mehr machen, weil an jedem Tag in Afrika Tausende von Kindern verhungern. Natürlich ist das furchtbar, aber das Leben muss trotzdem weitergehen. Wenn man alles stehen und liegen lässt, hilft man den Betroffenen auch nicht.

Die Unterhaltungsindustrie muss weitermachen.

Wir schaffen ein wenig Zerstreuung bei den Leuten. Am Sonntagnachmittag wird es für alle Fußballfans im Olympiastadion nur ein Thema geben, nämlich Hertha BSC gegen Energie Cottbus. Ein bisschen Ablenkung kann nicht schaden.

Spielt der Krieg in der Vielvölkermannschaft von Energie Cottbus gar keine Rolle?

Doch, natürlich. Wir haben einen großen Bildschirm in der Kabine. Da wird einem schon mulmig, wenn man sieht, dass die Lufthansa die Flüge nach Dubai streicht. Da waren wir noch vor ein paar Wochen im Trainingslager.

Was sagt denn die Cottbuser Uno zum Krieg?

Wir haben in der Kabine bei uns so viele verschiedene Nationalitäten, da ist es mir unbegreiflich, wie so etwas passieren kann. Wir leben doch nicht mehr unter den Jägern und Sammlern, sondern in einem zivilisierten Zeitalter, in dem man sich nicht mit Bomben und solchem Zeugs bewerfen muss. Ganz blöd ist diese Situation für unsere Bosnier, die haben ja gerade einen Krieg hinter sich.

Sie haben auch einen Amerikaner im Team.

Ja, Gregg Berhalter, für den ist das Ganze auch nicht einfach.

Hat Energie Cottbus schon mal überlegt, in der Öffentlichkeit ein Zeichen zu setzen?

Nein, das würde keinen Sinn machen. Wenn einer protestieren will, dann soll und darf er das machen, aber er sollte nicht andere mit reinziehen. Wenn nun einer in der Kabine bei uns der Meinung ist, dass das ganz richtig ist, was der Bush da macht, dann steht ihm diese Meinung auch zu. Aber er würde sie kaum äußern, wenn in der Kabine 24 Leute die andere Position vertreten. Das kann nicht Sinn der Sache sein. Ich werde auf meiner Homepage nach dem Spiel gegen Hertha ein paar Sachen dazu sagen, dass ich nicht verstehe, warum da einer Weltpolizist spielen muss. Aber das ist meine Sache.

Auch Sport ist nicht nur heile Welt. Ihnen hat vor einem Jahr ein Unbekannter einen Molotow-Cocktail in den Garten geworfen.

Das war schlimm, vor allem für meine Frau und meine Kinder. Wir haben Anzeige erstattet, aber die Staatsanwaltschaft hat uns ziemlich schnell wissen lassen, dass sie den Täter wohl nicht fassen wird. Da darf man gar nicht drüber nachdenken. Da denkst du nur: Was haben solche Leute an der Kappe?

Viele haben diesen Vorfall interpretiert als Indiz dafür, dass die Beziehung zwischen Energie und den Cottbusern nicht mehr intakt ist. Fühlen Sie sich vom Publikum noch angemessen respektiert?

Natürlich ist die bedingungslose Unterstützung der ersten Jahre nicht mehr da. Die Leute kommen ins Stadion und wollen was sehen für ihr Geld. Die dürfen auch mal rummeckern. Aber wir sind nun mal ein so krasser Außenseiter, dass wir in jedem Spiel, in jeder Minute Unterstützung brauchen. Ich weiß natürlich, dass so etwas nicht jeden Tag geht, in einer Zeit, in der es gesellschaftlich hoch hergeht, in der wir fünf Millionen Arbeitslose haben, wo alles gestrichen wird und der Benzinpreis in die Höhe geht. Da drehen die Leute im Stadion schon mal durch.

Trainer Eduard Geyer hat sich über die mangelhafte Unterstützung in der Region beschwert. Die Fans kommen nicht mehr so zahlreich, Energie hat immer noch keinen richtigen Trainingsplatz, der Ministerpräsident Platzeck ist auch nicht so häufig im Stadion zu sehen. Ist die Lausitz undankbar?

Da habe ich eine andere Meinung. Wenn ich diese Unterstützung will, muss ich den Klub interessant machen. Dann muss ich klotzen, jeden Tag Gas geben, dass der Landesvater bei jedem Spiel hier ist, dass der Baudezernent auf der Tribüne sitzt, dass Leute mit viel Geld – und davon gibt es auch hiergenug – uns unterstützen wollen. Das ist keine Bringschuld dieser Leute, wir müssen sie von uns überzeugen, wir müssen die ostdeutschen Unternehmen dazu bringen, dass sie sich hier bei uns im Osten engagieren.

Da klingt leise Kritik am Verein durch.

Wir müssen diese Strukturen, die bei anderen Vereinen längst selbstverständlich sind, erst aufbauen. Aber ich mache mir in diesem Zusammenhang schon Gedanken, wenn das Thema Gehaltskürzungen zur Sprache kommt. Wir haben im Winter auf Geld verzichtet, um dem Klub zu helfen. Dafür erwarten wir auch, dass von den Verantwortlichen etwas passiert. Sich hinstellen und sagen: Das ist eine schwierige Zeit in einer schwierigen Region – tut mir Leid, das ist nicht der richtige Weg.

Sieht es sportlich deswegen so schlecht aus?

Nein, das hat andere Gründe. Früher sind die Mannschaften nach Cottbus gekommen und haben gedacht, na ja, das ist ein kleines Dorf im Osten, was soll uns da passieren. Energie Cottbus in der Bundesliga – das war für die meisten Vereine so, als würde da eine Kuh mit acht Köpfen rumrennen. Heute stellen die sich hinten rein, warten, dass wir Druck machen, und nehmen immer öfter die Punkte weg.

Früher haben die Mannschaften Angst gehabt, wenn sie nach Cottbus gekommen sind. Heute kommen sie gerne her und nehmen die Punkte mit. Sind Sie zu lieb geworden?

Ich befürchte schon. Wir verkaufen uns zu anständig. Wir sind nun mal nicht so weit, dass es nur mit spielerischen Mitteln geht. Du brauchst Leute, die auf der Wiese richtig durchdrehen. So sieben, acht Leute.

Wie viele haben Sie?

Unser Brasilianer Vragel da Silva ist so einer, Timo Rost auch, Rayk Schröder, aber der ist ja gerade verletzt. Und ich, wenn ich wieder richtig fit bin. Mehr ist nicht. Miriuta und Akrapovic haben wir weggeschickt, weil sie erstens den Hausfrieden gestört haben und zweitens vor dem Wir immer ein Ich gemacht haben. Auf der anderen Seite waren das schon Jungs, die auf dem Platz auch mal Remmidemmi gemacht haben.

Die zu Hause verlorenen Punkte müssen Sie jetzt auswärts holen. Am besten schon am Sonntag bei Hertha BSC.

Wenn du dir die Tabelle anguckst, bleibt dir gar nichts anderes übrig als ein Sieg. Das wird natürlich schwer, weil die Berliner zurzeit richtig gut drauf sind, andauernd gewinnen, selbst wenn sie Karneval feiern, und dabei auch noch tausend Tore schießen.

Das Gespräch führten Sven Goldmann und Michael Rosentritt.

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