Sport : Die Liebe einer Mutter

Oksana Tschussowitina gewinnt sensationell Silber beim Pferdsprung. Ein Porträt

Frank Bachner

Erst auf dem Siegespodest, erst als ihr die Medaille umgehängt wurde, da konnte Oksana Tschussowitina ihre Freude zeigen. Da lächelte sie erstmals in die Kameras, die alles nach Deutschland übertrugen, da verlor ihre Mimik dieses Strenge, dieses Konzentrierte. Oksana Tschussowitina, geboren in Usbekistan, seit 2006 im Besitz eines deutschen Passes, hat Silber gewonnen. Silber im Pferdsprung, das ist die bisher größte Sensation bei den Turn-Wettkämpfen.

Eine Sensation, weil sie als Außenseiterin galt. Eine Sensation vor allem aber, weil sie schon 33 Jahre alt ist.

Ihre Konkurrentinnen könnten ihre Kinder sein. Gold gewann Hong Un-Jong aus Nordkorea, Bronze Cheng Fei aus China. Tschussowitina gewann schon bei den Europameisterschaften 2008 Gold, das war schon eine Riesenüberraschung, aber mit Silber in Peking hatte niemand gerechnet. Aber sie behielt im richtigen Moment die Nerven, mehrere ihrer Gegnerinnen patzten.

Routine besitzt Tschussowitina genügend, Peking sind ihre fünften Olympischen Spiele. 1992 wurde sie Mannschafts-Olympiasiegerin mit den GUS-Staaten, sie ist zudem dreimalige Weltmeisterin, aber diese Titel gewann sie teilweise vor 17 Jahren.

Dass Tschussowitina überhaupt noch Turnerin ist, liegt auch an einem furchtbaren Schicksalsschlag. Im Jahr 2000 wurde sie Mutter, gebar ihren Sohn Alisher und turnte danach weiter. 2002 kam sie mit Silber im Mehrkampf von den Asienspielen nach Hause, als sie erfuhr, dass ihr Sohn an Leukämie erkrankt ist. In Taschkent und in Moskau verlangte man für die Behandlung 120 000 Dollar, viel zu viel für die Mutter und ihren Mann, einen Ringer. In ihrer Verzweiflung wandte sich Oksana Tschussowitina an ihre Kölner Freunde. Seit 1996 startete sie für den Bundesligisten TAT Köln. Dort stellte man schnell eine Verbindung zu einer Spezialklinik in Köln her. Die Kosten für die Behandlung kamen durch Preisgelder und Prämien der Mutter und durch Spenden aus aller Welt zusammen. Die Weltklasse-Athletin turnte nun, um Geld für ihren Sohn zusammen bekommen. Mit Erfolg: Heute ist Alisher putzmunter und hat schon erste Wettkämpfe als Turner absolviert.

Seine Mutter sammelte viel Geld, denn ihr Niveau blieb hoch. Bei der Weltmeisterschaft 2002 holte sie Bronze im Pferdsprung, 2003 wurde sie sogar, als 28-Jährige, Weltmeisterin an diesem Gerät. Zwölf Jahre zuvor war sie Weltmeisterin am Boden geworden. 2004 gewann sie bei drei Weltcups jeweils im Pferdsprung. Aber mit der reinen Mutterliebe allein ist diese lange Karriere nicht zu erklären. Oksana Tschussowitina lebt einfach für ihren Sport. „Ich liebe das Turnen“, sagt sie immer wieder. Ihre Trainerin Shanna Poljakova bestätigte dies der „Kölnischen Rundschau“: „Ich habe Oksana in den vergangenen fünf Jahren fast jeden Tag gesehen. Man kann nur mit Liebe so lange dabei bleiben.“

Der Lebensmittelpunkt der Weltklasseturnerin ist schon längst Köln, und deshalb wurde sie vor zwei Jahren auch eingebürgert. Für das deutsche Kunstturnen ist das ein großer Erfolg. Denn die erfahrene Athletin ist in der deutschen Riege, die aus jungen Athletinnen besteht, ein wichtiger Ansprechpartner. 2007 hat sie noch gesagt: „Ich merke mein Alter. Aber ich möchte es nicht zeigen.“

In Peking ist ihr das gelungen.

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