Sport : Die lieben Nachbarn

Hertha spielt heute in Cottbus. Dort haben die Berliner noch nie gewonnen – Huub Stevens auch nicht

André Görke

Berlin. In Cottbus hatten sie lange auf ihn gewartet, sogar die Pressekonferenz verschoben. Aber Huub Stevens kam einfach nicht. Unentschuldigt. Da war es wieder, das unbequeme Image des Trainers von Schalke 04. Sein Klub war gerade aus dem Pokal geflogen, beim Zweitligisten Energie Cottbus. Der Stevens ist wieder schlecht gelaunt, haben die Leute gedacht. Tut ja auch weh, so eine Niederlage in der Brandenburger Provinz. Vor drei Jahren war das.

Dabei hat Huub Stevens eine Erklärung dafür: „Ich habe in der Kabine darauf gewartet, dass mich jemand abholt“, sagt er. Da aber niemand kam, kam auch Stevens nicht. Seitdem jedoch wird dem Mann ein schwieriges Verhältnis zur Lausitz nachgesagt. Cottbus ist so etwas wie ein Trauma für die Ewigkeit. Mit Schalke hat Stevens in der Lausitz immer verloren. Erst im DFB-Pokal, später auch die beiden Spiele in der Bundesliga. Seit knapp vier Monaten arbeitet Stevens nun in Berlin bei Hertha BSC. Die Schalker Bilanz in Cottbus könnte er verdrängen, vergessen. Berlin ist ein neues Kapitel für ihn. Doch so einfach ist das nicht: Wenn Hertha BSC heute bei Energie Cottbus antritt (15.30 Uhr; Stadion der Freundschaft), dann gibt es da die andere, die Berliner Statistik. Vier Spiele hat Hertha gegen den Nachbarn aus Brandenburg absolviert – und drei verloren. Zweimal in Cottbus, vor etwas mehr als einem Jahr auch in Berlin. Seitdem hat Energie kein Auswärtsspiel mehr gewonnen.

Warum passt das Klischee vom Angstgegner für Hertha ausgerechnet auf Cottbus? Vielleicht liegt es an dieser „besonderen Atmosphäre“ (Stevens). Als er mit Schalke 04 im Frühjahr 0:2 in Cottbus verlor, sprach Manager Rudi Assauer von einem „Schweinespiel“. Die Cottbusser hatten gegrätscht, gearbeitet, und auf den Tribünen haben sie geschrien. Angenehm ist die Atmosphäre in Cottbus nicht. Werder Bremen, Hansa Rostock – auch sie haben in Cottbus verloren.

Fußball ist für die Menschen hier noch wichtiger als anderswo. Die Region hat nicht viel mehr zu bieten als den FC Energie. Vor zweieinhalb Jahren ist er irgendwie in die Bundesliga aufgestiegen, und seither rechnet man eigentlich jede Saison damit, dass er in die Provinz zurückkehrt. In Cottbus zu verlieren ist einfach frustrierend. „Wir haben die Initiative immer erst dann ergriffen, wenn wir ein Gegentor kassiert hatten“, sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß.

Es liegt an Niederlagen wie gegen Cottbus, dass Hertha nicht weiter oben steht. Borussia Dortmund hat sich in Cottbus schwer getan, auch die Bayern. Aber sie haben dort nicht verloren. Es wird Zeit, dass sich etwas ändert, sagt Herthas Mannschaftskapitän Michael Preetz. „Wenn du dort drei Spiele verloren hast, bist du automatisch motiviert. Du bist es aber auch, wenn du auf die Tabelle guckst.“ Hertha liegt vier Punkte hinter dem Tabellenzweiten. Das ist einer der beiden Plätze, die am Saisonende zur Teilnahme an der Champions League berechtigen.

Es sieht nicht schlecht aus. Hertha hat die vergangenen beiden Pflichtspiele gegen Aberdeen und Nürnberg gewonnen. Das gibt der Mannschaft Sicherheit. Und „in Cottbus sind die Dinge auch nicht mehr so, wie sie einmal waren“, sagt Preetz. Mit jeder weiteren Niederlage rückt der Abstieg näher. Trainer Eduard Geyer ist nach dem desaströsen 0:4 in Kaiserslautern schwer in die Kritik geraten. Die Mannschaft hat die schlechteste Abwehr und den schlechtesten Angriff. Fünf Tore haben sie in acht Spielen erzielt, in vier Heimspielen gerade einmal eins.

„Da dürfen wir eigentlich nicht so unruhig ins Spiel gehen wie in den letzten Jahren“, sagt Preetz. Die schlechte Stimmung in der Lausitz hat auch Hoeneß bemerkt. „Wenn es bei denen nicht läuft, dann werden sie nervös“, sagt er. Nicht nur auf dem Platz, auch auf der Tribüne. Die Fans haben zuletzt immer lauter „Geyer raus!“ gerufen. Jetzt, in Zeiten der Krise, hat der Cottbuser Mannschaftskapitän Christian Beeck die Fans in einem offenen Brief aufgefordert, dass es wie früher sein solle, „wie in einer Familie“.

Als Hertha im vergangenen Februar 0:1 in Cottbus verlor und Trainer Jürgen Röber am nächsten Tag seinen Trainerjob hinschmiss, da war Energie noch sehr heimstark gewesen. „Heute haben sie diesen Lauf nicht mehr“, sagt Mittelfeldspieler Michael Hartmann. Hertha war damals weit unten gewesen, die Niederlage in Cottbus der Tiefpunkt. In dieser Saison ist das anders. Den Tiefpunkt hat Hertha hinter sich. Peinlicher als bei der Niederlage im DFB-Pokal gegen Holstein Kiel kann es kaum noch werden.

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