Sport : Die Liga der bösen Buben

Die Schlägerei von New York wirft einen großen Schatten auf die gesamte NBA

Matthias B. Krause[New York]

Es hätte sein Jahr werden sollen. Gerade war Carmelo Anthony dabei, sein Image aufzupolieren, es so stubenrein zu präsentieren wie das von Dwyane Wade in Miami und LeBron James in Cleveland. Alle drei kamen zur gleichen Zeit in die National Basketball League, alle drei sind unglaublich gute Basketballer. Doch während Wade mit Miami bereits einen Titel in der Tasche hat und James gleich nach seinem Wechsel von der Highschool zu den Profis zum Multimillionär wurde, fristete Anthony bei den Denver Nuggets ein Schattendasein. In dieser Saison schien alles anders zu werden. Anthony führt die Liga als Korbschütze an und im Sommer hatte er die Ehre, das Nationalteam der USA als Kapitän zu leiten. Seine Freundin ist schwanger und mit Auftritten im Kinderfernsehen versucht er ein altes Video vergessen zu machen, in dem er Jugendliche auffordert, ihre Kumpels nicht an die Polizei zu verraten.

Über all das wird der 22-Jährige nun Zeit zum Nachdenken haben. Für 15 Spiele sperrte ihn NBA-Commissioner David Stern, weil er am vergangenen Samstag in New York einen Gegenspieler mit der Faust niedergestreckt hatte. Damit fällt für ihn ein Verdienst von fast 750 000 Dollar aus. Wenn er am 20. Januar wieder ins Geschehen eingreifen darf, könnte es für sein Team bereits unmöglich sein, noch einen Play-off- Platz zu ergattern. Neben Anthony bannte Stern weitere sechs Spieler, vier von den New York Knicks, zwei von den Nuggets. Doch keinen trifft es so hart wie Anthony, der in der Rangelei, in die insgesamt zehn Spieler verwickelt waren, einen rechten Haken gesetzt hatte.

Er sei „sehr enttäuscht“, dass sich solche Szenen zwei Jahre nach der unrühmlichen Auseinandersetzung zwischen den Indiana Pacers und den Fans der Detroit Pistons wieder abspielten, sagte Stern: „Offensichtlich erreichen wir die Spieler nicht. Oder sie wollen in bestimmten Situationen nicht zurückgehalten werden. Ich schlage vor, dass solche Spieler keine langen Karrieren in der NBA haben.“

Die Erfahrung zeigt das Gegenteil. Ron Artest, der nach einer Schlägerei in Detroit für die Rekordzeit von 72 Partien gesperrt war, darf weiter in der NBA spielen. Auch Kobe Bryant haben die Fans vergeben – er soll eine Frau vergewaltigt haben. So gesehen hat Carmelo Anthony gute Chancen, dass der jüngste Vorfall bald vergessen ist. Er macht allerdings keinen Hehl daraus, dass er stolz darauf ist, seinen Weg aus den Schwarzen-Ghettos von Baltimore nach oben gemacht zu haben. Da mögen Vorwürfe wegen Drogenmissbrauchs und Schlägereien in einem Nachtklub wie Marginalien wirken.

Hinzu kommt, dass die beiden Trainer in dem Vorfall eine zweifelhafte Rolle spielen. Knicks-Headcoach Isiah Thomas wurde von den TV-Kameras dabei erwischt, wie er Anthony kurz vor der Schlägerei androhte: „Geht jetzt lieber nicht zum Korb, das wäre eine schlechte Idee.“ Kurz darauf wurde Denvers J.R. Smith bei einem Korbversuch schwer gefoult, woraufhin die Schlägerei ausbrach. Thomas wiederum beschuldigte seinen Trainer-Kollegen George Karl. Der habe den Gegner blamieren wollen und entgegen eines ungeschriebenen Gesetzes trotz einer hohen Führung kurz vor Schluss seine besten Spieler auf dem Feld gelassen.

Als Coach rastet Thomas gelegentlich aus. So soll er neulich gegen die San Antonio Spurs einem seiner Spieler den Auftrag gegeben haben, „Bruce Bowen die Füße zu brechen“ – wie wörtlich das auch immer gemeint war. Er habe den jüngsten Ausfall von Thomas wohl wahrgenommen, sagte Stern, die Beweislage sei für eine Strafe aber nicht ausreichend. Stattdessen verhängte er gegen die Knicks und gegen Denver jeweils ein 500 000-Dollar-Bußgeld. Dass Thomas ungeschoren davon kommt, regte Karl auf: „Ich denke, er ist ein Arschloch.“ Und das waren noch die freundlichsten Worte, die er benutzte. An schlechten Vorbildern mangelt es Anthony in der Liga wahrlich nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar