Sport : Die Liga ist schuld

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Stefan Hermanns über das Debakel der Deutschen im Europapokal

Am Tag danach herrschte tiefes Schweigen über Deutschland. Kein Kommentar von Teamchef Rudi Völler. Kein Wehklagen des Bundeskanzlers. Kein wehleidiges Gejammer des DFBPräsidenten, und selbst Franz Beckenbauer sagte kein einziges Wort. Dabei hätte es einiges zu sagen gegeben. Schließlich hatte der deutsche Fußball gerade „seinen guten Ruf verspielt“. So schreibt es der Sportinformationsdienst.

Diese Analyse ist ein wenig verwegen. Am Donnerstag sind die beiden letzten Bundesliga-Mannschaften aus dem Uefa-Pokal ausgeschieden. Zum ersten Mal seit der Saison 1998/99 und zum zweiten Mal überhaupt findet die dritte Runde dieses Wettbewerbs ohne deutsche Vereine statt – weil Bremen schon in der Vorausscheidung am SV Superfund Pasching gescheitert ist, Hertha BSC gegen SK Dyskobolia Groclin Grodzisk ausgeschieden ist, der HSV Dnjepr Dnjepropetrowsk unterlegen war, Kaiserslautern sich nicht gegen FK Teplice durchsetzen konnte, Schalke in Kopenhagen im Elfmeterschießen verloren hat und Borussia Dortmund dem FC Sochaux nicht gewachsen war. Das ist eine bedauernswerte Entwicklung für die Bundesliga, aber mit dem deutschen Fußball hat diese Bilanz zunächst einmal wenig zu tun.

Der deutsche Fußball wurde am Donnerstag in Kopenhagen von Torhüter Frank Rost und dem 20 Jahre alten Mike Hanke vertreten; bei den Dortmundern standen zu Beginn des Spiels gegen Sochaux immerhin fünf Spieler mit deutschem Pass auf dem Feld. Etwas mehr als drei Minuten, dann sah Salvatore Gambino die Rote Karte.

Das Abschneiden im Europapokal ist weniger eine Blamage für den deutschen Fußball als für die Bundesliga, die in diesen Tagen und Wochen neue Besucherrekorde feiert und sich an ihren schönen modernen Stadien begeistert. Sie hat dabei jedoch offensichtlich zunehmend den Bezug zur tristen Realität verloren. Die Liga, einst die stärkste der Welt, ist im internationalen Vergleich schon lange nicht mehr konkurrenzfähig.

Es ist langweilig, wenn die Bundesligavereine über den verwöhnten deutschen Nachwuchs jammern und damit erklären, warum sie mittelmäßige, also billige Slowaken, Mazedonier oder Ghanaer verpflichten. Vor allem stimmt die Argumentation nicht, wie der VfB Stuttgart in diesen Wochen beweist. Im Spiel gegen Glasgow Rangers, in dem die Stuttgarter den Einzug ins Achtelfinale der Champions League perfekt gemacht haben, standen sieben Deutsche in der Anfangself. Dass der früher so unspektakuläre VfB zurzeit der Liebling aller neutralen deutschen Fußballfans ist, liegt nicht nur an den schönen Erfolgen. Es liegt vor allem daran, dass die Mannschaft ein Gesicht hat. Schalke hat das nicht.

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