Sport : „Die Liga wusste, was kommt“

Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff über Kritik und Ratschläge

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Herr Bierhoff, die Liga murrt, von allen Seiten kommt Kritik. Erleben Sie die schwierigste Woche Ihrer Amtszeit?

Ich sehe nicht, dass wir gerade eine Riesenkrise haben. Es gibt eine gewisse Aufgeregtheit, ja, aber die ist vor allem durch die schlechte Leistung im TürkeiSpiel entstanden.

Uli Hoeneß, der Manager von Bayern München, hat so gut wie alle Maßnahmen von Jürgen Klinsmann in Frage gestellt.

Ich habe mit ihm gesprochen. Dass er in einigen Punkten anderer Meinung ist, darüber kann man diskutieren. Wichtig ist, dass wir solche Diskussionen nicht immer nach außen tragen. Und dass man sich auch an das hält, was einmal beschlossen wurde.

Was wollen Sie tun, um die Lage zu beruhigen?

Wir werden uns noch mal mit den Bundesligamanagern zusammensetzen. Und wir wollen den Klubs noch mehr Informationen zukommen lassen. Im Gegenzug hoffen wir, dass die Vereine sagen: Gut, bis zur WM lassen wir die Nationalmannschaft mal in Ruhe. Die Liga hat Jürgen Klinsmann mitgetragen. Sie wusste, was kommt. Wegen zweier schlechter Spiele kann man nicht alles, was bis zum Sommer noch gut war, in Frage stellen.

Vor vier Wochen haben Sie sich mit den Bundesligatrainern getroffen. Anschließend haben alle die harmonische Atmosphäre gelobt, und jetzt werden Sie von denselben Trainern angegriffen?

Wir sind auch ein bisschen überrascht. Der Austausch wurde ja von unserer Seite gesucht. Felix Magath hat gerade erst bestätigt, dass er noch zu keinem Bundestrainer einen so engen Kontakt hatte wie zu Jürgen Klinsmann. Ich kann auch nicht verstehen, dass um den Leistungstest so ein großes Theater gemacht wird. Wir reden über sieben Sprints, einen Ausdauerlauf über 3,5 Kilometer und ein paar Stabilisationsübungen. Es kann doch nicht der Anspruch eines Bundesligaspielers sein, dass das eine zu hohe Belastung ist.

Sie haben also kein Verständnis für die Kritik?

Ich kann mit der Kritik leben, solange sie fachlich bleibt. Ich verstehe auch, dass die Vereine in dieser Phase der Saison Angst haben, dass ihre Spieler bei der Nationalmannschaft zu sehr belastet werden. Aber wenn wir darauf Rücksicht nehmen würden, hätten wir keine Mannschaft mehr. Bis zur WM bleiben uns nach dem China-Spiel fünf Spiele. Die Vereine sollten nicht erwarten, dass ihre Spieler in diesen sechs Spielen geschont werden. Dafür bestreiten die Vereine selbst zu viele Spiele.

Haben Sie mit solchen Schwierigkeiten in dieser Phase der Saison gerechnet?

Nein, viel früher. Aber deswegen können wir nicht von unserer Linie abgehen. Ich habe das selbst als Spieler erlebt. Sobald ein Trainer hin- und herhüpft, fängt es an, verkehrt zu laufen. Die Ratschläge von erfahrenen Leuten hören wir uns an. Was wir letztlich daraus machen, ist unsere Sache.

Schalkes Trainer Ralf Rangnick hat aber gesagt, er erwarte keine rege Kommunikation, sondern eine fruchtbare.

Fruchtbar kann aber nicht bedeuten, dass jeder seine Wünsche äußert und wir die dann erfüllen. Es gibt genug Beispiele, dass Jürgen Klinsmann auf Einwände reagiert hat. Der Bremer Miroslav Klose hat am Ende der vorigen Saison zwei Monate verletzt gespielt – wir haben beim Confed-Cup auf ihn verzichtet, damit er sich operieren lassen konnte. Aber wir müssen eben auch mal Spieler einsetzen, die der Vereinstrainer lieber geschont sähe. Die Bremer haben sich vor einem Jahr darüber beschwert, dass ihre Spieler in der Nationalmannschaft zu kurz kommen, jetzt beschweren sie sich, dass sie zu viel spielen. Wir können den Spielern doch nicht dauernd einreden, dass die Belastung zu hoch ist. Per Mertesacker bestreitet in dieser Saison 34 Bundesligaspiele und noch ein paar Länderspiele – das müsste für einen 21-Jährigen gerade noch zu bewerkstelligen sein.

Einige Spieler sollen sich anonym über das harte Training beschwert haben. Haben die Spieler Angst, sich offen zu äußern?

Bei Bayern München hat auch niemand den Mut, Felix Magath zu sagen: Trainer, ich möchte das Treppenlaufen heute mal ausfallen lassen. Wir wollen die Spieler nicht in einen Angstzustand versetzen. Dafür sind wir auch viel zu kommunikativ und im Umgang – ich will nicht sagen: freundlich, aber schon auch nett. Trotzdem muss es Disziplin und Ordnung geben und auch einen gewissen Zug. Die WM fordert einfach eine Mehrleistung.

Die Spieler sollen Opfer bringen. Wie sieht es mit Jürgen Klinsmann aus? Müsste sein Opfer nicht sein, dass er von Los Angeles nach Deutschland umzieht?

Die Frage ist, ob es nicht ein Opfer ist, immer hin- und herzufliegen. Vor allem wenn man an das ganze Theater denkt, das um dieses Thema immer veranstaltet wird. Ich glaube, die Forderung an Jürgen Klinsmann ist eher eine emotionale als eine inhaltliche. Man will das Gefühl haben, er ist in der Nähe. Aber Jürgen muss für sich ausmachen: Wo kann ich meine beste Leistung bringen? Wenn er das ganze Jahr über hier wäre, wäre er nicht effektiver – und vor allem nicht so positiv.

Matthias Sammer begleitet die Nationalmannschaft in diesen Tagen. Bereitet er sich schon auf Klinsmanns Nachfolge vor? Oder auf den Posten des Sportdirektors beim DFB?

Weder noch. Matthias will sich unsere Arbeit einfach mal im Detail anschauen. Aber er hat auch ganz klar gesagt, dass er wieder als Trainer in der Bundesliga arbeiten will. Deswegen ist er bei uns kein Thema.

Bis zum Ende des Jahres soll die Entscheidung fallen, ob Sie Ihren Vertrag beim DFB verlängern. Hängt Ihre Zustimmung davon ab, ob Sie alleine entscheiden dürfen, wer möglicherweise neuer Bundestrainer wird?

Dann würde ich den DFB ja komplett auf den Kopf stellen. Nein, es ist doch klar, dass ich in einer solch wichtigen Frage nicht alleine entscheiden kann. Wir werden uns da beraten. Ich möchte meine sportliche Kompetenz in diesem Punkt einbringen.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

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