Sport : Die Löwen-Angst

Herthas Fans fürchten, dass ihr Verein unter Trainer Götz den gleichen Weg nimmt wie einst 1860 München

Stefan Hermanns,Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin - Das menschliche Gedächtnis erweist sich bisweilen als sehr gnädig: Negative Ereignisse werden einfach ausgeblendet. So ist das auch bei Falko Götz und seiner Zeit bei 1860 München. „Daran kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern“, sagt er. Der Trainer von Hertha BSC zieht die Mundwinkel nach oben. Am liebsten würde Götz sein Scheitern in München wohl weglächeln. Er hat im Moment andere Probleme. Götz steckt mit Hertha in der Krise, seit acht Pflichtspielen hat er nicht mehr gewonnen, und sollten die Berliner heute ihr Heimspiel gegen Arminia Bielefeld verlieren, könnte es im Abstiegskampf sogar noch einmal richtig ernst für sie werden. Angesichts dieser Entwicklung haben viele Hertha-Fans Angst, dass die Berliner einen ähnlichen Weg gehen könnten wie 1860. Die Münchner stiegen 2004 ab und spielen seitdem in der Zweiten Liga.

Als Götz’ Gedächtnis die Ereignisse bei den Löwen noch nicht vollständig herausgefiltert hatte, hat er zu seiner Verteidigung immer gesagt, dass er mit den Sechzigern nie auf einem Abstiegsplatz gestanden habe. Das stimmt. Als er am 17. April 2004 entlassen wurde, nach drei Niederlagen hintereinander, stand 1860 auf Platz 15. Götz’ Gegner – und davon gab es in München einige – behaupten, sein Nachfolger Gerard Vanenburg habe in den verbleibenden fünf Saisonspielen nur vollendet, was Götz auf den Weg gebracht hatte.

Wer will, kann durchaus Parallelen erkennen zu Herthas aktueller Situation. Doch die Konstellation bei 1860 war damals eine ganz andere. Das Sportliche wurde überlagert von einer tiefen Krise des Vereins. Präsident Karl-Heinz Wildmoser musste im Zuge der Bestechungsaffäre beim Bau der Allianz-Arena zurücktreten, der ganze Wirbel habe den Spielern ein hervorragendes Alibi geliefert, sagt ein früherer Angestellter des Klubs.

Diese Ansicht stützt auch Torhüter Michael Hofmann. „Götz war mehr oder weniger unschuldig“, sagt er. Hofmann lobt sogar „die sehr gezielte Trainingslehre“ seines ehemaligen Trainers. Die Boulevardmedien aber hatten es vor allem auf Götz abgesehen: Sie warfen ihm vor, zu sehr auf junge Spieler zu setzen und damit die funktionierende Hierarchie in der Mannschaft zerstört zu haben. Völlig haltlos sind solche Vorwürfe nicht. Götz setzte Marco Kurz als Kapitän ab, weil er nur noch selten spielte, und verbannte ihn zusätzlich aus dem Mannschaftsrat. Am Ende hatte er Jung gegen Alt aufgebracht. „Die Mannschaft war gespalten“, erinnert sich Hofmann. „Einige Spieler haben Stimmung gegen den Trainer gemacht.“

Die fehlende Geschlossenheit ist auch bei Hertha ein Dauerthema. Im vergangenen Winter wurde der fehlende Respekt der jungen für die erfahrenen Spieler kritisiert. Auch damals erlebten die Berliner nach der Winterpause einen dramatischen Absturz, der erst nach 13 Spielen ohne Sieg gestoppt werden konnte. In vier Jahren als Trainer erlebte Götz mit seinen Teams dreimal nach dem Winter einen Einbruch.

„Ich bin ein selbstkritischer Trainer“, sagt Götz. „Ich hinterfrage mich ständig.“ Herthas Spieler haben aus fachlicher Sicht an ihrem Trainer wenig zu bemängeln. Es geht mehr um Defizite in der Kommunikation. „Der Trainer findet selten den richtigen Ton“, sagt ein Hertha- Spieler. Als es in München anfing, schlecht zu laufen, begann Götz, seine jungen Spieler öffentlich zu kritisieren, zum Beispiel den Stürmer Benjamin Lauth, der daraufhin mit Lustlosigkeit reagierte. Bei Hertha bekam zuletzt der 23 Jahre alte Malik Fathi den Unmut seines Trainers zu spüren – wie vor ihm auch schon Thorben Marx und Oliver Schröder. Beide haben den Verein im Sommer verlassen.

Nur etwas mehr als zwei Wochen nach seiner Entlassung in München unterschrieb Falko Götz einen Vertrag bei Hertha BSC für die nächste Saison. Michael Hofmann, der Torhüter der Sechziger, sagt: „Ich wäre damals gerne mit nach Berlin gekommen.“

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