Sport : Die Lücke im Gesetz

Beim 3:0 gegen Belgien zeigt die deutsche Nationalmannschaft, wie sie bei der EM spielen will

Stefan Hermanns

Köln. Andreas Wenzel ist schon von Berufs wegen nicht unbedingt zur Objektivität verpflichtet. Bei Länderspielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft arbeitet Wenzel als Stadionsprecher, und als solcher hat er vor allem die offizielle Verbandssicht zu vertreten. Als nach dem 3:0 gegen Belgien am Mittwoch in Köln das Freistoßtor von Dietmar Hamann zum 2:0 noch einmal auf den Videowänden gezeigt wurde, sagte Wenzel: „Genau seine Ecke. Flach und Aufsetzer.“ Allerdings lobte er anschließend auch das „super Publikum“, was endgültig auf entweder massive Wahrnehmungsstörungen oder eine tief empfundene Loyalität zu seinem Auftraggeber hindeutete.

In Wirklichkeit war es nämlich so gewesen, dass die Kölner Zuschauer meistens vielsagend schwiegen, den heimischen FC feierten oder den Lokalrivalen aus Leverkusen schmähten – und dass Hamann in der 55. Minute nicht die geringsten Schwierigkeiten hatte, den Ball ins Tor der Belgier zu schießen (Siehe Kasten: „Als Belgien schlief“).

Der Teamchef der deutschen Mannschaft wertete das Tor nicht nur als Beleg für Hamanns Schlitzohrigkeit, sondern auch als Ausdruck einer besonderen Qualität des Mittelfeldspielers. „Er ist nicht umsonst ein bisschen Stratege auf dem Feld“, sagte Völler. Anderswo mögen Strategen noch jene charismatischen Führungskräfte sein, die die großen Linien des Spiels bestimmen. In der deutschen Nationalmannschaft hingegen wird schon seit einiger Zeit vor allem eine Strategie des Machbaren verfolgt. Kaum je war das besser zu beobachten als am Mittwoch im Testspiel gegen Belgien.

Die deutsche Nationalmannschaft ist inzwischen wie ein findiger Anwalt, der immer wieder eine Lücke im Gesetz entdeckt. Bei der WM 2002 kamen die Deutschen ins Finale, weil sie den Zweck des Spiels von den Füßen auf den Kopf gestellt hatten: Die Deutschen gewannen nicht, weil sie mehr Tore schossen als ihr Gegner, sondern weil sie weniger kassierten, dank ihrem Torhüter Oliver Kahn meistens gar keins. Und gegen Belgien offenbarte Völlers Mannschaft jetzt, wie sie bei der in zehn Wochen beginnenden Europameisterschaft zum Erfolg zu kommen gedenkt – notfalls durch Tore nach Ecken oder Freistößen. „Die zählen genauso wie die anderen Tore“, sagte der Teamchef.

Kevin Kuranyi stolperte den Ball nach einer Ecke mit dem Oberschenkel zum 1:0 ins Tor, Hamann traf mit seinem direkten Freistoß, und Michael Ballack erzielte den 3:0- Endstand ebenfalls nach einem Freistoß. Aus dem Spiel heraus kreierten die Deutschen wenig Gefahr für die ersatzgeschwächte belgische Mannschaft. Selbst Völler hatte nur „ein paar ordentliche Spielzüge nach vorne“ vermerkt, aus denen lediglich eine echte Chance durch den eingewechselten Oliver Neuville resultierte.

Wesentlich mehr als die Offensive behagte Völler daher die defensive Einstellung seiner Mannschaft. „Die wichtigste Erkenntnis war, dass wir hinten sehr gut gestanden haben“, sagte er. Selbst Torhüter Jens Lehmann, der erst in der Nachspielzeit zum ersten Mal eingreifen musste, war nicht unglücklich darüber, dass er in einem seiner seltenen Einsätze für die Nationalelf fast gar nicht gefordert wurde. „Das ist ein gutes Zeichen“, sagte er. „Dann stimmt die Ordnung.“

Immerhin offenbarte Belgiens Trainer Aimé Anthuenis, dass er von seinen Spielern keineswegs verlangt habe, „dass sie defensiv spielen, sich zurückfallen lassen und nicht hinten herauskommen“. Die Deutschen ließen ihrem Gegner einfach keinen Raum zur Selbstverwirklichung. Christian Wörns kam daher auch zu einem anderen Urteil als die meisten Augenzeugen der Begegnung: „Ich finde, wir haben heute ein gutes Spiel gemacht.“ In jedem Fall haben die Deutschen ihren Stil gefunden. Er ist nüchtern und ergebnisorientiert, nicht unbedingt spektakulär, dafür aber durchaus effektiv. Der Rest Europas kann sich ruhig schon mal ein bisschen Sorgen machen.

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