Sport : Die Luft ist raus

Jan Ullrich wird nur Siebter – Hamilton holt Gold

Frank Bachner[Athen]

Als er die Ziellinie überquert hatte, bog Jan Ullrich gleich nach rechts ins Fahrerlager ab. Dem großen Favoriten im olympischen Zeitfahren war nicht nach Reden zumute, er hatte gerade mit eineinhalb Minuten auf den Goldmedaillengewinner Tyler Hamilton den siebten Platz belegt. „Immerhin ein einstelliger Platz“, sagte Ullrich, als er sich doch noch vor die Mikrofone stellte. Und: „Dies sind meine letzten Olympischen Spiele, aber ich habe schon zwei Medaillen bei Olympia gewonnen – das ist okay.“

Schon nach der Hälfte der 48 Kilometer langen Strecke hatte Ullrich keine Chance mehr auf den Sieg, darüber war er über Funk auch informiert. Er lag 38 Sekunden hinter dem zu diesem Zeitpunkt führenden Wjatscheslaw Jekimow, der bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney das Zeitfahren vor Ullrich gewonnen hatte. Doch der 38-jährige Russe wurde im zweiten Teil der Strecke noch vom US-Amerikaner Hamilton überholt, der bei der Tour de France verletzt aufgeben musste und in Athen nicht zu den Favoriten gezählt hatte. Hinter Hamilton und Jekimow gewann Bobby Julich (USA) die Bronzemedaille.

Als Jan Ullrich schon aussichtslos zurücklag, kämpfte Michael Rich, der zweite deutsche Starter, noch um eine Medaille. Der 34-jährige Zeitfahrspezialist wurde am Ende Fünfter. „Ich habe auf mehr Wind gehofft, um meine athletischen Fähigkeiten ausspielen zu können. So war auf der schweren Strecke nicht mehr drin“, sagte Rich.

Vierter bei der Tour de France, die Plätze sieben und neunzehn bei Olympia: Die Saison von Jan Ullrich ist sportlich enttäuschend verlaufen. Am Sonntag nimmt er am Weltcuprennen in Zürich teil, nach einer Pause will er dann Anfang Oktober bei der Weltmeisterschaft in Verona starten. „Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Und bei der WM kann man ja auch eine Medaille gewinnen“, sagte Ullrich.

Der Tag hatte für Jan Ullrich eigentlich gut angefangen, schon vor dem Rennen hatte er einen wirtschaftlichen Erfolg errungen. Das Landgericht Duisburg hatte entschieden, dass Ullrich von seinem ehemaligen Rennstall Coast mehr als 1,4 Millionen Euro Honorarausfall und Schadenersatz einfordern kann, die Ullrich nach der Insolvenz des Teams im Frühjahr 2003 entstanden seien.

Am Ende des Tages schien Ullrich über sein Abschneiden nicht allzu enttäuscht zu sein, und auch Judith Arndt, die sich über die verpasste Goldmedaille im Straßenrennen mit ihrem Stinkefinger noch unfein geärgert hatte, akzeptierte ihren elften Platz beim Zeitfahren ohne Unmutsbekundungen. „Das Leben geht weiter“, sagte die 28-Jährige. „Ich habe mich gut gefühlt, aber ich war nicht schnell.“

Als Mitfavoritin gestartet, wies Arndt bei der ersten Zwischenzeit bereits einen Rückstand von fast einer Minute auf die spätere Gewinnerin Leontien Zijlaard- van Moorsel aus den Niederlanden aus. Die dreimalige Olympiasiegerin von Sydney verwies Deirdre Demet-Moore (USA) und die Schweizerin Katrin Thürig auf die Medaillenränge. Arndt überquerte die Ziellinie nach 32:46 Minuten mit einem Rückstand von mehr als eineinhalb Minuten auf die Siegerin. Ein ähnlich großer Abstand wie bei Jan Ullrich.

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