Sport : Die Macht der Gegengeraden

Durch Lagerkämpfe verwirren die Fans die Lage beim FC St.Pauli

Raim,Witkop

Hamburg. Dass Corny Littmann als Präsident des FC St. Pauli vermutlich eine gute Wahl ist, hat vor allem einen Grund: seine Ahnungslosigkeit. „Ich bin heilfroh, dass ich diese ganzen alten Geschichten nicht kenne“, sagte der Klubchef des Zweitliga-Tabellenletzten nach seinen ersten Wochen im Amt. Die boten Intrigen, Kabale und Skandale in einem Umfang, wie sie Littmann in seinen für schrille Stoffe bekannten Theatern an der nahen Reeperbahn („Schmidt’s Tivoli“) wohl nicht anzubieten gewagt hätte.

Der erfolgreiche Kleinkunst-Unternehmer hat den Vorteil des Außenstehenden, doch die alten Geschichten holen ihn dennoch ein. Heute will sich Littmann zu schwarzen Kassen und Scheinverträgen äußern, die die von ihm hinausgeworfene Geschäftsführerin Tatjana Groeteke vor dem Arbeitsgericht präsentierte; garniert mit Hinweisen auf eine fatale Liebesaffäre mit dem Manager Stephan Beutel. Gleichzeitig will eine Opposition einen Gegenkandidaten für die Mitgliedersammlung am 25. Februar vorstellen.

Mit ruhigen Zeiten ist vorerst nicht zu rechnen. Verschiedene Seiten des zerstrittenen Vereins raunen von weiteren Enthüllungen, die noch bevorstünden. Und das alles, während die verwirrte Mannschaft nach dem Bundesliga-Abstieg auf die Regionalliga zustolpert. Die Lage hat auch mit den inneren Strukturen des wieder einmal „etwas anderen“ Vereins zu tun. Während Vereinspolitik im Profifußball eine Spielwiese früherer Sportgrößen und Honoratioren aus Politik und Wirtschaft ist, kommt beim FC St. Pauli eine weitere Größe hinzu: die Macht der Gegengerade. Seit Mitte der Neunzigerjahre haben engagierte und politische motivierte Fans über eine „Arbeitsgemeinschaft interessierter Mitglieder“ einen Marsch durch die Institutionen angetreten, um sich ihres Vereins zu bemächtigen. Eine Vergangenheit im Umfeld des rebellischen Fanmagazins „Übersteiger“ teilt etwa die nun um sich schlagende frühere Geschäftsführerin Groeteke mit etlichen Mitgliedern des gegenwärtigen und früherer Aufsichtsräte, auch Angestellte des Klubs entstammen der alternativen Fan-Szene.

Die Auswirkungen dieser einstmals basisdemokratisch gedachten Bewegung sind mit Phänomenen beim Aufstieg der Grünen vergleichbar: Man ist erbittert, misstrauisch und führt komplizierte Lagerkämpfe. Jeder ist von der ungeheuren Bedeutung des eigenen Beitrags durchdrungen. Bei Mitgliederversammlungen geht nichts ohne die Fan- Mitglieder, die etwa die Hälfte der Stimmberechtigten mobilisieren können. Den meisten Beifall erhält im Moment Littmann, der zur Überraschung manch alter Seilschaft und der Boulevardpresse im Stil eines Sanierers die Aufräumarbeiten begonnen hat. Die schwarzen Kassen haben nach bisherigem Anschein wohl nur die Größe einer Portokasse, aber Littmann deutet an, dass noch mehr in den Schubladen liegen könnte: Munition für weitere Auseinandersetzungen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben