Sport : Die Macht der Geschichte

Der Misserfolg der letzten Runde verfolgt die Fußballspieler von Hertha BSC, doch Manager Dieter Hoeneß will Vergleiche mit damals nicht zulassen

Friedhard Teuffel

Berlin - Dieter Hoeneß lässt sich in diesen Tagen nicht gerne an die Vergangenheit erinnern. Die Vergangenheit kommt ihm schließlich wie ein böser Geist vor, der jetzt auf ihn und den Fußballklub Hertha BSC gescheucht wird, weil es nicht besonders gut läuft. Fünf Spiele in der Bundesliga ohne Sieg und noch dazu das Ausscheiden im DFB-Pokal beim Regionalligaklub Eintracht Braunschweig. Da gibt es Ähnlichkeiten zur vergangenen Vorrunde. Doch Hoeneß, der Manager von Hertha BSC, sagt: „Vergleiche hinken grundsätzlich immer.“

Hoeneß kann das gut begründen, und er kann auch klar benennen, worin der Unterschied zur vergangenen Saison besteht. „Von den fünf Unentschieden haben wir kein Spiel gehabt, in dem wir nur mit Dusel zum Unentschieden gekommen sind. Es gibt spielerische Fortschritte.“ Mit aller Entschlossenheit will Hoeneß verhindern, dass die Vergangenheit zum 19. Gegner der Berliner in der Bundesliga wird. Denn die Vergangenheit hat große Kraft, sie kann den Fußballspielern schwere Beine machen und steife Füße.

Im Grunde ist die Vergangenheit jedoch noch längst nicht vergangen bei Hertha BSC. Den bösen Geist der alten Saison werden die Berliner nur mit vielen Punkten vertreiben können, das weiß auch der Manager. Hoeneß nennt es „das Trauma“, und was das Trauma mit den Berliner Fußballspielern noch alles anstellen kann, das kann er noch nicht absehen. Da gebe es drei Möglichkeiten, sagt Hoeneß. Es könne die Berliner weiter herunterziehen oder sie in Ruhe lassen oder ihnen sogar einen Kick geben, sie also anstacheln zu besseren Leistungen.

Manchmal kommt Hoeneß die Vergangenheit aber sogar ganz gelegen. Gestern zum Beispiel hat Hoeneß einen Zettel hervorgeholt, auf dem stand, wie die Berliner Zeitungen die Verpflichtung von Trainer Falko Götz im Mai bejubelt hatten. Am Freitag hatte Hoeneß dann Schlagzeilen gelesen wie etwa „Götz schon auf der Kippe“. Da hätte er gerne nochmal die Titelzeilenmacher erinnert an ihre lustvollen Worte aus dem Mai.

Was Hertha BSC und vor allem Hoeneß nach dem verpatzten Saisonstart wollen, ist vor allem dies: die Vergangenheit zähmen. Sie soll ganz dosiert eingesetzt werden, um die Leistungen der Fußballspieler zu verbessern. Sie soll ein Instrument sein wie die Hütchen auf dem Trainingsplatz.

Die Macht der Geschichte hat auch Trainer Götz schon ausgenutzt. Als er gerade angefangen hatte als Interimstrainer bei Hertha BSC im Winter 2002, führte er dem erfolglosen Stürmer Alex Alves ein Video mit dessen schönsten Treffern vor. Es wirkte. Alves traf wieder, und am Ende schaffte Hertha BSC sogar noch den Sprung in den Uefa-Pokal.

Von solchen Methoden will Götz jetzt wieder Gebrauch machen. „Es sind Maßnahmen gefordert, um die Mannschaft an ihre Stärken zu erinnern“, sagt er. Ganz so leicht ist das nicht. Götz wird sich Archivmaterial von Hannover 96 bestellen müssen, um Fredi Bobic eine Reihe seiner Tore zeigen zu können, und Aufzeichnungen von Arminia Bielefeld, um Artur Wichniarek zu motivieren. Denn seit die beiden Stürmer bei Hertha BSC sind, haben sie noch nicht oft getroffen. Der Angriff ist nach wie vor die Problemzone von Hertha BSC.

Mit der Vergangenheit können die Berliner aber auch eine schöne Gleichung aufstellen. Wenn sie die Leistungen der Vergangenheit von denen der Gegenwart subtrahieren, bleibt immer noch etwas übrig. Hertha hat sich also verbessert. Das ist der Gewinn dieser Saison.

Den nächsten Vergleich will Hoeneß ohnehin erst in der Winterpause zulassen: „Die Winterpause ist eine Messgröße. Dann kann man auch eingreifen und spielerische Defizite durch Transfers oder im Trainingslager ausgleichen“, sagt er. Bis dahin könnten sich die Berliner einfach dies vornehmen: schönen, zeitlosen Fußball.

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