Sport : Die Macht der Wiederholung

Hertha BSC scheint vor Marcelinhos zyklischen Ausrastern zu kapitulieren

Stefan Hermanns

Berlin - Das Glück liegt wie so oft auch an diesem Morgen auf dem Fußballplatz. Auf dem Rasen findet Marcelinho seine innere Ruhe, und selten hat das so wörtlich gegolten wie an diesem Sonntag auf der Werner-Seelenbinder-Sportanlage in Neukölln. Die Fußballer von Hertha BSC bestreiten dort ein Benefizspiel, Marcelinho aber trägt wie einige seiner Kollegen Jeans und Straßenschuhe. Auf dem Weg von der Kabine zu seinem Platz an der Seitenlinie wird der Mittelfeldspieler des Berliner Bundesligisten, von den Zuschauern geradezu belagert, und erst als er den Rasen betritt, lassen die Massen von ihm ab.

Tags zuvor, bei Herthas 2:0-Sieg in Kaiserslautern, hatte Marcelinho zum sechsten Mal hintereinander vorzeitig den Platz verlassen müssen. Schon 25 Minuten vor Schluss ließ Trainer Falko Götz die Auswechslung des Brasilianers anzeigen. Marcelinho zog daraufhin sein Trikot aus und marschierte mit bloßem Oberkörper aufreizend langsam zur Seitenlinie. Mit der Hand machte er noch eine abfällige Bewegung Richtung Götz, die so viel bedeutete wie: Hau doch ab, Mann! Von seinen Lippen waren sehr viel derbere Ausdrücke abzulesen.

„Welcher Brasilianer wird schon gerne ausgewechselt?“, sagte Götz in der Pressekonferenz. Da hatte er sich schon wieder einigermaßen beruhigt. Gleich nach dem Schlusspfiff hatte Herthas Trainer im Interview mit Premiere sehr viel erregter gewirkt. Auf die Frage, welche Konsequenzen Marcelinhos Entgleisung haben würde, hatte er viel sagend geschwiegen. „Prognosen möchte ich dazu nicht abgeben“, sagte Götz noch.

Je länger der Vorfall zurücklag, desto blasser wurde seine Erregung. „Da haben wir kein Thema“, sagte Götz bereits in der Pressekonferenz. Und am Tag danach: „Wenn man eine Nacht darüber geschlafen hat, beruhigt sich alles.“ Ohnehin wollte er lieber darüber reden, „dass Christian Fiedler in seinem hundertsten Spiel für Hertha ohne Gegentor geblieben ist, dass Yildiray Bastürk im Augenblick unser wichtigster Spieler ist und Marko Pantelic schon wieder getroffen hat“.

Es ist noch nicht lange her, da standen alle positiven Entwicklungen bei Hertha in kausalem Zusammenhang mit dem Spiel von Marcelinho. Inzwischen hat sich die Mannschaft nicht nur von ihrem einstigen Spielmacher emanzipiert; inzwischen ist es Marcelinho, der von der positiven Entwicklung profitiert. In den vergangenen fünf Spielen haben die Berliner 13 von 15 möglichen Punkten geholt und nur zwei Gegentore kassiert. Angesichts des Aufschwungs verspürte Herthas Manager Dieter Hoeneß wenig Lust um Marcelinhos Ausfall „jetzt einen Nebenkriegsschauplatz zu eröffnen“.

Wie immer, wenn Marcelinho in jüngerer Vergangenheit die guten Sitten des Zusammenlebens verletzt hat, wird auch seine aktuelle Entgleisung ohne angemessene Konsequenzen bleiben. Dafür, dass sich der Brasilianer noch auf dem Feld das Trikot auszog, hätte er vom Schiedsrichter eigentlich die Gelbe Karte sehen müssen – wegen unsportlichen Verhaltens gegen die eigene Mannschaft. Es wäre seine fünfte Verwarnung in dieser Saison gewesen, Marcelinho dadurch im Spiel gegen Borussia Dortmund gesperrt gewesen.

Auch die Sanktion des Vereins wird wohl glimpflich ausfallen. Herthas Manager sprach nach dem Spiel nur kurz mit dem Brasilianer über den Vorfall. Gestern kündigte er an, dass „eine Kleinigkeit in die Mannschaftskasse fällig“ sei. Hoeneß sagte: „Wir sollten es nicht übertreiben.“ Herthas Verantwortliche scheinen inzwischen vor den zyklisch auftretenden Ausrastern des Brasilianers kapituliert zu haben. „Es wiederholt sich doch alles“, sagte Götz. „Langsam wird es ein bisschen langweilig.“ Mehrmals hat der Trainer vor einem Spiel angedeutet, Marcelinho nicht aufzustellen. Vor einer Woche, nachdem der Brasilianer gegen Stuttgart beide Tore erzielt hatte, erzählte Götz dann voller Stolz: „Ich hab’ ihn immer gebracht.“ Vielleicht war genau das ein Fehler.

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