Sport : Die Macht des Managers

Dieter Hoeneß steht mit Hertha vor einem wichtigen Jahr – auch für ihn selbst

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Berlin Dieter Hoeneß hat einen Traum. Es ist der Traum vom Gewinn der deutschen Meisterschaft. In diesem Traum sieht der Manager von Hertha BSC sich entlang einer von tausenden Berlinern gesäumten Prachtstraße mit der Schale durchs Brandenburger Tor fahren. Dieter Hoeneß träumt diesen Traum schon viele Bundesligaspielzeiten lang. Vor einem Jahr wäre er beinahe als Absteiger in die Zweite Liga aufgewacht. Zuletzt wurde Hertha immerhin Vierter. Wenn die Berliner heute bei Hannover 96 in die neue Bundesligasaison starten, wird es eine sehr bedeutende Spielzeit für den Verein werden. Und für Dieter Hoeneß wird es vielleicht die wichtigste der vergangenen neun Jahre. Es könnte seine letzte sein.

Im kommenden Juni wird in Deutschland die Weltmeisterschaft angepfiffen, und dann läuft der Vertrag von Dieter Hoeneß aus. 2001 wurde der heute 52-Jährige zum Vorsitzenden der Geschäftsführung der Hertha BSC Kommanditgesellschaft auf Aktien bestellt. „In fünf Jahren wollen wir zu den Top 3 in der Liga und den Top 20 in Europa gehören“, hatte er im Mai 2001 verkündet und selbst den Gewinn der Meisterschale nicht ausgeschlossen.

Mittlerweile fallen die Ziele bescheidener aus. Zwangsläufig. Finanziell ist der Klub angeschlagen. In Ellery Cairo verpflichtete Hertha einen Mittelfeldspieler vom Absteiger Freiburg, dazu kam noch ein dritter Torwart. Der Kauf eines Topstürmers, dem Hoeneß schon vor Monaten absolute Priorität beimaß, kam nicht zu Stande. Bis heute hat der frühere Stürmer des FC Bayern München keinen adäquaten Ersatz für Mittelstürmer Michael Preetz gefunden. „Ich bin nicht für halbe Lösungen“, sagt Hoeneß dazu. Für ganze Lösungen ist kein Geld mehr da.

Seit 1996 arbeitet Hoeneß für Hertha, erst als ehrenamtlicher Vizepräsident, später als Manager. In den Jahren des Aufschwungs hatte Hoeneß seine Macht sukzessive ausgeweitet. Sukzessive ist ein Wort, das er gern benutzt. Es steht ein bisschen für natürlich gewachsen. Die im Jahr 2000 vorgenommene Umwandlung der Profiabteilung des Vereins in eine Kapitalgesellschaft hat Hoeneß als Vorsitzender der Geschäftsführung noch mächtiger gemacht. „Macht um seiner selbst wegen ist etwas Katastrophales“, sagt Hoeneß. „Macht in Verbindung mit Verantwortung, also im Sinne von verantwortungsvollem Gestalten, ist etwas Herrliches.“

Hertha BSC ist Dieter Hoeneß’ Lebenswerk. Er hat die Voraussetzungen für den Aufstieg in die Bundesliga geschaffen. Die Entwicklung lief über Jahre steil nach oben. Zwischen 1999 und 2005 erreichte Hertha sechsmal einen internationalen Wettbewerb, das Olympiastadion wurde umgebaut, die Nachwuchsarbeit mit der Akademie mit zahlreichen Nationalspielern läuft vorbildlich. Hoeneß’ Verdienste sind gewaltig. Seine Machtfülle ist es auch, bis heute, wenngleich Michael Preetz nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn an die Seite des mächtigen Mannes rückte.

Offene Kritik aus den eigenen Reihen mag Hoeneß nicht. Auf Mitgliederversammlungen kanzelt er solche Beiträge als „populistischen Käse“ ab: „Dafür arbeite ich zu hart, um mir das anhören zu müssen.“ Hoeneß selbst beschreibt sich als „absoluten Teamplayer“. Vor Jahren schon hatte er angekündigt, dass „die Zeiten der One-Man-Show vorbei sind“. Von Leuten, die ihn täglich umgeben, ist das Gegenteil zu hören. Heute noch.

Natürlich gibt es im Verein einen aus Aufsichtsrat, Präsidium und einfachen Mitgliedern zusammengesetzten Beteiligungsausschuss, der Hoeneß kontrollieren darf. Aber niemand aus diesem Gremium kann es im Kerngeschäft Fußball mit ihm aufnehmen. Als Hoeneß seinen 50. Geburtstag mit einem Feuerwerk auf dem Schlossplatz in der Mitte Berlins beging, spottete ein Spieler: „Und wo wird jetzt das Denkmal enthüllt?“

Jürgen Röber, der kurz vor Hoeneß nach Berlin gekommen war und als Trainer 1999 mit Hertha in die Zwischenrunde der Champions League einzog, hat lange nach seiner Entlassung im Frühjahr 2002 gesagt: „Der Erfolg ist in Berlin ein bisschen zu schnell gekommen.“ Als die Entwicklung von Hertha mit einem Champions-League-Spiel in London ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte, erzählte Hoeneß auf dem mitternächtlichen Bankett die Geschichte von dem Taxi, mit dem er damals die Geschäftsstelle von Hertha BSC gesucht hat. Nichts hat er gewusst, der Taxifahrer. Wer Hertha und wo die Geschäftsstelle ist. Hoeneß wusste vage von Büroräumen an der Heerstraße. Zweimal sind sie vorbeigefahren „an dem Ding“. Dann begrüßte ihn die Frau Wussow, eine von drei Angestellten, die damals zu Hertha gehörten.

Heute ist Hertha ein etablierter Klub in der Liga. Dass ihm bei seinen Transfers teure Flops unterliefen, hat Hoeneß’ Position nicht nachhaltig beschädigt. „Er hat einen untrüglichen Instinkt für Stimmungen und Strömungen, und das nicht nur innerhalb der Mannschaft oder beim Trainer“, hat einmal Martin Bader erzählt. Bader war jahrelang die rechte Hand von Hoeneß, ehe er Hertha verließ und jetzt beim 1. FC Nürnberg Vizepräsident und Sportdirektor in Personalunion ist.

In diesem Sommer, so die Vorstellung des Aufsichtsrates, möge sich Dieter Hoeneß erklären. Als er auf einer Mitgliederversammlung mal wieder wegen seiner Einkaufspolitik kritisiert wurde, sprang ihm der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Rupert Scholz, spontan zur Seite: „Dieter Hoeneß genießt unser uneingeschränktes Vertrauen. Punkt.“ Zudem haben auch andere einflussreiche Herren und Sponsoren durchklingen lassen, dass sie auf Kontinuität in der Personalpolitik setzen. „Ach, wissen Sie“, sagt Hoeneß, „dieses Thema interessiert mich im Moment am wenigsten.“ Wichtig sei, dass der Verein gut in die Saison kommt. „Aber ins nächste Jahr werden wir dieses Thema nicht mitnehmen.“

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