Sport : Die Macht des Mutes

Hertha BSC will heute unbekümmert, aber zugleich diszipliniert beim FC Bayern bestehen

Michael Rosentritt,Friedhard Teuffel

Berlin - Mitten in der Berliner Mittagshitze putzte Andreas Thom die Chromteile seines neuen Autos. Der Kotrainer von Hertha BSC tat dies mit einer Hingabe, die man sonst nur am Samstagvormittag bei älteren Autobesitzern sieht, die gerade nicht Besseres, vor allem aber nichts Wichtigeres zu tun haben. Andreas Thom putzte und putzte, und zu allem Überfluss machte er noch die Motorhaube auf. Weil das Auto auf dem Gelände von Hertha BSC direkt vor den Kabinen parkte, könnte man das Thom’sche Tun so kurz vor dem Spiel beim FC Bayern München auch als neues Selbstbewusstsein deuten. Das Signal an Herthas Spieler könnte lauten: Wir, der Berliner Bundesligist, haben unsere Aufgaben erledigt. Wir sind bestens vorbereitet und kümmern uns nur noch ums Detail.

Ein gutes Bild hat Hertha jedoch in der Vergangenheit nicht abgegeben beim FC Bayern München. Seit 27 Jahren gelang den Berlinern gegen den Rekordmeister in München kein Sieg mehr. An diesem Samstag aber unternehmen die Berliner mit einer Leichtigkeit einen neuen Anlauf, als wenn es diese Serie gar nicht gäbe. „Wir wollen mutig sein, nach vorn zu spielen“, sagt Dieter Hoeneß, der das neue Selbstbewusstsein in Worte kleidet. Das erste Bundesligaspiel seiner Mannschaft in der neuen Saison hat dem Manager bis auf das Ergebnis gut gefallen, außerdem sei es ein Vorteil, so früh gegen den Titelfavoriten zu spielen. „Am Anfang hat jeder noch Sand im Getriebe“, sagt Hoeneß, „da gibt es immer etwas, wo man reinstechen kann. Man darf nur selber keine Fehler machen.“ Auch Trainer Falko Götz sieht im Zeitpunkt der Saison einen Vorteil: „Je früher man auf die Bayern trifft, desto besser. Am Anfang läuft es bei ihnen auch noch nicht so rund.“ Wenn die sich erst einmal eingespielt hätten, werde es doppelt schwer.

Nur Mut also, ruft Götz seinen Spielern zu. „Das werde ich in meiner Ansprache berücksichtigen.“ Vor allem aber dürfe man bei allem Mut nicht den Fehler machen, diesen Gegner in dessen Stadion mit „Hurra-Fußball“ schlagen zu wollen. Wer das macht, „wird beim FC Bayern nichts erreichen“, sagt Hoeneß.

So günstig der Zeitpunkt für das Aufeinandertreffen ist, so viel Disziplin ist für einen Sieg nötig. „Wir brauchen Charakter auf dem Platz“, sagt Falko Götz. Man brauche den Mut, den Bayern wehzutun, wie er sagt. „Wir wollen das tun mit allem Willen, der in uns steckt. Jeder Spieler muss das verinnerlichen und am Samstag abrufen.“ Wer das sein wird, will Götz noch offen lassen. „Wir brauchen Spieler, die diesen Mut auch umsetzen. Wir müssen sehen, dass wir schnell umschalten und von der Abwehr in den Angriff kommen.“ Im ersten Saisonspiel habe das ansatzweise geklappt, nur werden sich die Spieler ihre Kräfte besser einteilen müssen, um nicht wie gegen Bochum nach einer 2:0-Führung noch zwei Tore hinzunehmen und darauf nicht mehr antworten zu können. Zentrale Bedeutung wird dem Mittelfeld zukommen. Da ist der FC Bayern mit Deisler, Ballack, Frings und Zé Roberto am besten besetzt, aber das eigene Mittelfeld sei nicht viel weniger wert, findet Götz. „Da habe ich genauso viel Spaß dran.“

Ersetzen müssen die Berliner Oliver Schröder. Der 24-jährige Verteidiger, der auf der rechten Außenbahn spielt, leidet an einer Sommergrippe, die ihn „Körpergewicht und Substanz gekostet hat“, erzählt Götz. Dafür ist Alexander Madlung wieder einsatzfähig. Madlung hatte zum Saisonauftakt gegen Bochum noch gefehlt, bestand aber den Härtetest im Regionalliga-Spiel der Amateure. Ob er oder Dick van Burik für Schröder in die Startelf rücken und mit welcher Taktik er im Münchner Olympiastadion spielen lässt, habe Götz als „Idee klar im Kopf“, aber er möchte „noch einen „gewissen Überraschungseffekt“. Wenn er schon von seinen Spielern so viel Mut verlangt, dann wird sich Falko Götz sicher auch etwas trauen.

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