Sport : „Die Männer müssen mehr trainieren“

Olympiasiegerin Claudia Pechstein über Motivation, gemischte Trainingsgruppen und das Karriereende

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Frau Pechstein, ihre Konkurrentin Cindy Klassen verspürt nach ihrer ersten olympischen Goldmedaille in dieser Saison Motivationsprobleme und pausiert. Sie besitzen vier Goldmedaillen mehr, warum sind Sie noch beim Eisschnelllaufen?

Ich habe noch viel Freude am Sport, sonst würde ich aufhören. Es macht mir Spaß, wenn ich mich körperlich betätige und auf dem Eis merke, wie ich meine Leistung aus dem Sommer umsetzen kann.

Nach fünf Olympiasiegen und acht Weltmeistertiteln dürften Erfolge eigentlich nicht der Grund zum Weitermachen sein.

Doch. Erfolg macht hungrig nach mehr. Und mein Hunger ist noch nicht gestillt. Michael Schumacher hatte auch schon alles erreicht und hat immer noch weitergemacht.

Aber Michael Schumacher hat jetzt seine Karriere beendet …

… das ist mir bekannt, aber er ist auch ein paar Jährchen älter als ich.

Er hat mit 37 Jahren aufgehört, Sie sind jetzt 34. In welchem Alter sollte man seine Karriere beenden?

Diese Frage kann keiner richtig beantworten. Mit dem Alter hat das nichts zu tun. Wenn der Rücken oder die Knie kaputt wären, würde ich aufhören. Doch solange ich fit bin, Spaß am Sport und Erfolg habe, bleibe ich dabei. Erst wenn ich persönlich keinen Bock mehr habe, lasse ich es sein.

Wie lange haben Sie noch Bock?

Ich mache erst einmal bis 2008 weiter. Da findet in Berlin die Mehrkampf-WM statt. Das ist nicht unbedingt mein favorisierter Wettkampf, weil ich nicht so die Sprinterin bin. Aber eine WM in Berlin ist ein kleiner Höhepunkt für mich. Wenn man 2010 zu Olympia nach Vancouver möchte, kann man das als Zwischenstation sehen. Wenn man den Weg nicht gehen will, kann man Berlin als Endstation sehen. Aber da möchte ich mich noch nicht festlegen.

Machen Sie nicht auch aus finanziellen Gründen weiter?

Das steht nicht im Vordergrund. Es stimmt zwar, dass man mittlerweile durch Sponsoren in unserer Sportart Geld verdienen kann. Aber ich habe zum Glück einige Partner, die ihre Zusammenarbeit mit mir nicht davon abhängig machen, ob ich noch aktiv bin oder nicht. Von daher muss ich mir keine Sorgen machen.

Macht Ihnen vielleicht die Strukturreform der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft Sorgen?

Die betrifft mich nicht direkt, weil ich vorher gesagt habe, dass ich gerne in meiner Trainingsgruppe mit meinem Erfolgscoach Joachim Franke weitermachen möchte. In meinem Alter wagt man keine Experimente mehr. Ich wollte auch nicht unter der Flagge des neuen Damenbundestrainers Markus Eicher trainieren. Das wurde vom Verband akzeptiert. Bleibt die Frage, ob es wirklich so geschickt ist, wie vor 20 Jahren zu trainieren. Männlein und Weiblein streng getrennt.

Der Eisschnellläufer Tobias Schneider lobt die Reform und ließ den Kritikerinnen zuletzt ein „herzliches Beileid“ ausrichten.

Tobias Schneider lehnt sich zurzeit sehr weit aus dem Fenster. Der hat in meiner Trainingsgruppe das Schlittschuhlaufen beziehungsweise das Rollschuhlaufen gelernt. Wenn es jetzt ganz gut für ihn läuft, kann die Ausbildung nicht die Schlechteste gewesen sein. Ich verstehe nicht, dass er einen so großen Mund hat, nachdem er einmal auf Platz sieben im Weltcup gelaufen ist. Das ist dreist. Ich verstehe, dass er mal etwas Neues machen will, aber nicht, dass er sagt: Beileid für die Frauen. Als er begonnen hat, konnte er nicht mal Damenzeiten laufen, von daher habe ich ihn damals mehr gezogen als er mich. Seine Aussagen treffen mich, weil ich ihn anders kenne. Da bin ich sehr enttäuscht.

Können Sie die Argumentation verstehen, durch das gemeinsame Training mit den Frauen seien die Männer in der Vergangenheit nicht genügend gefördert worden?

Nein. Ich weiß auch nicht, ob ich jemals einen Mann gebremst habe. Das ist eigentlich völliger Schwachsinn. Man wird nicht gebremst, wenn man als Mann eine Frau im Schlepptau hat. Bestes Beispiel sind doch die Ergebnisse vom Freitag in Berlin. Die U21-Athleten Nico Dorsch und Robert Kustra haben beim Weltcup ihre Flachland-Bestzeiten über 5000 Meter im Vergleich zum Vorjahr um 14 bzw. 15 Sekunden gedrückt. Beide trainieren seit dem Sommer gemeinsam mit mir. Oder schauen wir nach Holland: Dort trainieren Männer und Frauen auch gemeinsam in Privatteams. Man kann sicher nicht davon reden, dass die Männer international hinterherlaufen. Im Gegenteil. Wenn ich auch mal dreist sein darf: Die deutschen Männer haben ja früher nicht härter trainiert als wir. Die hätten einfach mehr machen müssen. Wenn es wehgetan hat, haben die Damen teilweise mehr durchgezogen. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn nichts dabei rauskommt. Bart Schouten …

… der neue Trainer des Männerteams …

… soll plötzlich der beste Trainer der Welt sein. Er hat sicherlich seine Qualitäten, aber letztlich kann auch er das Rad nicht neu erfinden. Ich würde sagen, bei den Männern wird endlich mal trainiert, wie es international Standard ist. Auf die Idee hätten die Jungs schon vor Jahren selber kommen können. Aber da war es doch so: Ach nee, das tut weh.

Und bei Ihnen tut’s nie weh?

Es tut sehr oft weh, vor allem in der letzten Runde. Aber das ist wie im Berufsleben. Man geht zwar nicht jeden Tag mit dem gleichen Elan ran, trotzdem muss man sich durchkämpfen. Und wenn man dann bei Olympia oder einer WM eventuell ganz oben steht, weiß man, wofür man es getan hat. Wenn ich heute faul auf der Couch liege, weiß ich, dass meine Konkurrenz gleichzeitig trainiert. Dann trete ich mir sozusagen selber in den Hintern.

Oft zögern die Athleten ihren Abschied vom Sport heraus, weil sie nicht wissen, was danach kommt. Wie ist das bei Ihnen?

Ich bin bei der Bundespolizei beschäftigt, werde also auf jeden Fall eine Aufgabe nach der Karriere haben. Vielleicht mache ich aber auch ganz was anderes. Ich besitze eine Ausbildung als Industriekauffrau und habe Erfahrungen in der TV-Moderation gesammelt. Vielleicht reizt mich auch die Arbeit als Jugendtrainerin, wer weiß. Ich lasse das in Ruhe auf mich zukommen, ich möchte ja noch eine Weile mit dem Eisschnelllaufen weitermachen.

Das Gespräch führte Benedikt Voigt.

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