Sport : Die Mannschaft benötigt noch mehr Biss und Selbstbewusstsein für große Erfolge

Ernst Podeswa

Ist es vorstellbar, dass Annamaria Polgar richtig böse wird und eine Mannschaftskollegin auf dem Parkett harsch anfährt, weil jene einen von ihr sauber gestellten Ball nicht zum Punkt verwandeln kann?

"Nein", sagt Siegbert Brutschin. "Das kann ich mir kaum denken, weil Anna einfach viel zu nett und zurückhaltend ist." Brutschin ist Manager der Volley Cats Berlin, die in der Bundesliga die einstige Erfolgslinie von Meister, Pokalgewinner und Europacupsieger CJD Berlin fortschreiben möchten. Und die 26-jährige Spielerin mit dem Namen einer berühmten schwesterlichen Schachdynastie in Ungarn fungiert bei den Cats auf der Position der Zuspielerin. Derjenigen, die im Idealfall nicht nur im Spiel die Fäden ziehen, sondern auch als Antreiberin das eigene Sextett auf Trab bringen soll. Annamaria Polgar ist nicht verwandt mit den Polgar-Schwestern, aber in Budapest zu Hause und in Ungarns Nationalmannschaft gleichfalls für präzise aufgelegte Schmetterbälle zuständig.

Ihre Defizite bei den Führungsqualitäten und anspornender Kritik sind derzeit ein Manko des gesamten Teams von Trainer Mirko Culic. "Die Mannschaft spielt ängstlich und gehemmt, wenn sie vorn liegt", sagt der frühere Zuspieler vom SC Charlottenburg. "Besser geht es, wenn wir in Rückstand liegen. Da gibt es nichts zu verlieren, und dann sehe ich mehr Mut und Erfolg." Doch wenn es gilt, einen Vorsprung zum Satzgewinn nach Hause zu bringen, dann zittern den meisten Spielerinnen Hände und Knie. So wie vor zehn Tagen bei der 2:3-Heimniederlage gegen den vorjährigen Meisterschaftszweiten Bayer Leverkusen.

Cats-Kotrainer Ronald Triller, langjähriger Nationalspieler, war noch eine Stunde nach Spielende sauer: "Die Mannschaft muss aggressiver und selbstbewusster auftreten. Auch einmal lächeln, wenn ein Fehler passiert oder wenn sie hinten liegt." Sogar von fehlendem Siegeswillen sprach Triller.

Nach Ansicht des Managers jedoch der falsche Ausdruck. "Siegeswillen beobachte ich schon. Doch der ist nicht immer kontrolliert und leider noch nicht stabil. Die Spielerinnen sind teilweise übermotiviert, haben Aussetzer und machen ganz dumme Fehler." Das alles sei vor allem eine Frage des ungenügenden Selbstbewusstseins und der mangelnden Routine. Einige müßten "lernen, Verantwortung zu übernehmen". Ansonsten stimme das Gerüst der Mannschaft: "Die Taktik ist okay, die Spielerinnen sind auf den richtigen Positionen, was sie von den Trainern gesagt bekommen, trifft." Doch mitunter genügen einige unerwartete Fehler, um alles auseinander fliegen zu lassen.

Die neuen Regeln, nach denen im sogenannten Rallyepunktsystem nun jeder Aufschlag zum Punkt führt, haben, so die Erkenntnisse von Siegbert Brutschin, "das Spiel ehrlicher gemacht. Wer weniger Fehler macht, der gewinnt." Der wichtigste Unterschied zum Volleyballspiel der alten Zählweise sei, "dass man jetzt auf dem Feld permanent gefordert ist und keine Sekunde abschalten darf". Auch die Befürchtung, die Spiele würden durchweg zu kurz dauern, träfe "eher auf die Männerpartien, aber nicht bei den Frauen zu. Wir haben kaum weniger als eine Stunde gespielt, und Fünfsatzkämpfe dauern netto 96 Minuten. Das ist absolut in Ordnung."

Am Sonntag (15 Uhr), wenn Ulm, die Mannschaft mit dem höchsten Etat und sieben Ausländerinnen, ins Sportforum Hohenschönhausen zum Abschluss der Vorrunde kommt, wünscht sich der Manager von seinen Kätzchen vor allem: "Dass sie frech aufspielen und die Krallen zeigen."

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