Sport : Die Messe des Sports

Beim Turnfest feiern die Teilnehmer die Gegenwart und probieren die Zukunft ihrer Sportart aus

Friedhard Teuffel

Berlin - Wenn sie in ihren Trainingsanzügen mit dem Zug oder Bus in der Stadt ankommen und ihre Quartiere in den Schulen beziehen, sehen sie vielleicht nicht so aus, aber im Grunde sind die 100000 Teilnehmer des Internationalen Deutschen Turnfestes Messebesucher. Sie machen mit bei der wohl größten Bewegungsmesse, die es gibt. In ganz Berlin schauen sie sich von Samstag bis zum Freitag nächster Woche um und probieren aus, wie sich ihr Sport anfühlt und wie er in Zukunft aussehen wird.

Wahrscheinlich lässt sich nirgendwo so gut wie beim Deutschen Turnfest der sportliche Zeitgeist beobachten. Beim ersten Deutschen Turnfest 1860 in Coburg war Sport noch Bewegung im Kollektiv mit politischer Zielrichtung. Friedrich Ludwig Jahn hatte die Turnbewegung Anfang des 19. Jahrhunderts auch gegründet, um die deutsche Jugend stark zu machen für die Einigung der Nation und gegen den Feind Frankreich.

Inzwischen ist das Turnfest eine Veranstaltung mit Erlebnischarakter geworden, und das Erlebnis für den Einzelnen wird immer wichtiger gegenüber dem mit der Gruppe. In der Gruppe reisen die meisten Teilnehmer an und ziehen vergnügt feiernd durch die Stadt, aber Sport machen sie zum Teil nur noch für sich, weil sie gesund sein oder einfach gut aussehen wollen. Wie Sport noch besser in Form bringt oder noch gesünder macht, das spielt beim Turnfest eine besondere Rolle. Bei der Turnfest-Akademie geben mehr als 200 Referenten ihr Wissen darüber weiter. Der Deutsche Turner-Bund (DTB) hat dabei auch die Angst vor den kommerziellen Sportanbietern abgelegt und nun Fitnesstrainer eingeladen, um seine Mitglieder fortzubilden.

Dass die Turnbewegung in Berlin wieder ankommt an ihrer Geburtsstätte, ist nur von untergeordneter Bedeutung. Auf große Ehrungen des Turnvaters Jahn verzichten die Veranstalter bewusst. Stattdessen erinnern sie mit der Verleihung der Flatow-Medaille im Jüdischen Museum an die beiden jüdischen Turner Alfred und Gustav Felix Flatow, die bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen mehrfache Sieger wurden. Wegen des „Arierparagraphen“ wurden sie 1933 aus ihren Vereinen ausgeschlossen und kamen später im Konzentrationslager Theresienstadt um. Zum ersten Mal wurde die Flatow-Medaille ebenfalls in Berlin verliehen, als das Turnfest 1987 zum bisher letzten Mal in die Stadt kam. Außerdem betonen die Veranstalter gerne den internationalen Charakter. Zum ersten Mal nennt sich das Turnfest international. 3500 Teilnehmer kommen aus dem Ausland, aus insgesamt 33 verschiedenen Ländern.

Die Teilnehmer des Internationalen Deutschen Turnfestes sind jedoch nicht nur Messebesucher, sie sind zugleich auch Aussteller. Sie zeigen schließlich die ganze Vielfalt der Turnbewegung. Rainer Brechtken, der Präsident des DTB, hat seinen Verband mit den 5,3 Millionen Mitgliedern daher eine „Holding von verschiedenen Sportarten“ genannt. Unter dem Dach des DTB finden außer dem klassischen Geräteturnen auch Turnspiele statt wie Faustball, Prellball und Indiaca, aber auch Lifestyle-Disziplinen wie Aerobic. Die Sportarten teilen sich wiederum in unterschiedliche Formen auf. Es gibt Spitzensport, denn im Rahmen des Turnfestes suchen die Athleten ihre Deutschen Meister, sei es an den Geräten, auf dem Trampolin, in der Rhythmischen Sportgymnastik, der Sportakrobatik oder mit dem Rhönrad. Der DTB nutzt dabei gerne die neue Popularität seines Vorturners Fabian Hambüchen und der Olympiasiegerin auf dem Trampolin, Anna Dogonadze.

Wettkampfsport gibt es auch in der Breite. Unter 100 verschiedenen Wettbewerben können die Teilnehmer wählen, und allein im Beachvolleyball haben sich schon 1560 Teams angemeldet. Neben Spitzen- und Breitensport bleibt noch der Showsport. So wollen sich die Turner als weltoffene und flexible Bewegung präsentieren, deren Basis immer noch der klassische Sportverein ist und die sich noch aufteilt in längst veraltete Turngaue.

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