Sport : Die Missionarin

Die Weltklasse-Hürdensprinterin Gail Devers widmet einen Großteil ihres Lebens Armen und Bedürftigen in den USA

NAME

Von Frank Bachner

Berlin. Die Bockwurst liegt im Ketchup, direkt neben den Pommes frites, und Gail Devers säbelt mit Hingabe an ihr herum. „Bockwurst“, kann Gail Devers aus Atlanta, USA, akzentfrei auf Deutsch sagen. „Die Bockwurst schmeckt in Berlin ausgezeichnet“, verkündet sie. Eine sportgerechte Ernährung ist das natürlich nicht, aber, herrjeh, was soll’s? Sie wird deshalb keine Hundertstelsekunde langsamer laufen. Außerdem hat sie ohnehin keine Chance mehr, den Jackpot der Golden-League-Serie zu gewinnen. Sie wurde in Zürich nur Dritte, heute, beim Istaf, dem größten deutschen Leichtathletik-Meeting (19 Uhr, Jahn-Stadion), „will sie nur schnell rennen“. Sie ist jetzt 35, aber sie ist immer noch die Weltjahresbeste über 100 m Hürden. Das entschädigt ja auch ein bisschen.

Vor allem aber gibt es für sie schon längst ein wichtigeres Leben neben dem Sport. Denn Gail Devers, aufgewachsen in einem der ärmsten Viertel von San Diego, dreimalige Olympiasiegerin über 100 m, 100 m Hürden und 4 x 100 m von 1992 und 1996, ist wahrscheinlich eine der sozial engagiertesten Sportlerinnen, die es derzeit in der Leichtathletik gibt. Helfen, unterstützen, fördern, das ist die Botschaft der Gail Devers. Deshalb hat sie in Atlanta, wo sie seit 1998 lebt, die Gail Devers Foundation gegründet, ein Projekt für Unterdrückte und Arme. Gail Devers hat Sponsoren um sich geschart, darunter die Feuerwehr von Atlanta, und jetzt hilft ihre Stiftung vor allem in den Städten, in denen Gail Devers mal gelebt hat.

In National City, dem bitterarmen Flecken San Diegos, wo sie aufwuchs, lud sie Kinder am Thanksgiving Day in Süßwarenläden ein. Die Kinder durften sich Süßigkeiten aussuchen, und für viele war es der Höhepunkt des Jahres. Und an Weihnachten 2001 überbrachten Feuerwehrleute und Polizisten aus ganz Florida bunt geschmückte Geschenkkörbe an Bedürftige in dem kleinen, armen Städtchen Bellglade/Florida. Die Foundation hatte die Aktion organisiert.

Das soziale Engagement bestimmt erheblich das Leben der Gail Devers. In Europa hält sie per E-Mail Kontakt mit ihrem Vater, einem Reverend. Der ist Präsident der Gail-Devers-Stiftung in Atlanta. Der Vater hat Gail Devers geprägt, „ich bin in einer Kirche aufgewachsen“, sagt die Olympiasiegerin. Natürlich redet sie dauernd von Gott. „Gott hat mir geholfen, dass ich so schnell bin.“

Ab diesem Punkt sollte man Gail Devers nicht alles glauben. Die Hymnen auf Gott haben Tradition in den USA. Die Grenze zwischen echter religiöser Überzeugung und plakativer Show sind fließend. Vor allem aber dürfte nicht Gott allein für ihre Topzeiten verantwortlich sein. Dopinggerüchte verfolgen Gail Devers seit Jahren, und vor kurzem verkündete die US-Anti-Dopingkommission, US-Olympiasieger seien sowohl 1992 als auch 1996 vor den Spielen jeweils positiv getestet worden, „intern aber begnadigt worden“. Die Kommission will die n bald veröffentlichen. Gail Devers sagt: „Ich habe davon noch nie gehört.“

Nun gut. Man darf der Sprinterin dafür glauben, dass den Wert ihres Lebens andere Dinge bestimmen. Erfahrungen, wie die mit ihrer Großmutter zum Beispiel. Die ist jetzt 94 und als Farbige von den früheren Rassengesetzen der USA geprägt. Im vergangenen Jahr erlebte Gail Devers, wie ein Weißer der 93-Jährigen die Tür aufhielt. Eine Höflichkeitsgeste. „Aber für meine Mutter war es unglaublich. An diesem Tag war sie für einen Tag die Königin.“

Es sind solche Geschichten, die Gail Devers motivieren. Sie will Heime für allein erziehende junge Mütter oder für Crackkinder bauen. Irgendwann, wenn sie die Millionen dafür zur Verfügung hat. Und seit dem 11. September, seit den Attentaten von New York, lebt sie noch intensiver und bewusster. „Das will ich allen sagen.“ Gail Devers sieht sich auf einer Mission, und die Bedeutung dieser Mission ist offenbar größer, als man erwartet. „Wenn ich an diesem Tag in einem der Tower gewesen wäre“, sagt Gail Devers, „hätte Gott mich überleben lassen. Er will, dass ich meine Mission fortsetze.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar