Sport : Die Mitte ist müde

Vor zwei Jahren revolutionierte der TBV Lemgo den Handball, doch jetzt wird er von der Konkurrenz vorgeführt

Erik Eggers[Gummersbach]

Zwei Jahre ist es her, dass der TBV Lemgo wie ein Tornado durch die Hallen der Handball-Bundesliga fegte, ungebremst, nicht aufzuhalten. Daniel Stephan, Christian Schwarzer und Markus Baur hatten das taktische Mittel der „schnellen Mitte“, des schnellen Wiederanwurfs und des Konters nach einem Gegentor, perfektioniert und überrannten jeden Gegner. Weil sechs Lemgoer auch in der Nationalmannschaft spielten, sprach die Handballwelt ehrfurchtsvoll vom „TBV Deutschland“. Ein grandioses Schauspiel war es damals. Erst, wer das in Erinnerung ruft, begreift die Dimension der Niederlage, die der TBV Lemgo am Dienstag im Oberbergischen erlitt.

Mit 18:31 (9:9) verlor der Liga-Favorit beim Rekordmeister VfL Gummersbach. Damit stehen nach der 26:31-Auftaktniederlage am Sonntag gegen den THW Kiel, die knapp 31 000 Zuschauer in der Arena Auf Schalke gesehen hatten, 0:4 Punkte zu Buche. Die Spieler verschwanden daraufhin wortlos in der Kabine, Stephan war der Erste, der eine halbe Stunde nach Abpfiff die Sprache wiederfand. Der 31-Jährige schaute noch einmal ungläubig auf die Anzeigentafel und sprach von einem „ganz bitteren Ergebnis, das einer Mannschaft wie uns nie passieren darf“. Sie waren regelrecht vorgeführt worden in der zweiten Halbzeit, „einfach auseinander gefallen“, sagte Stephan. In der Tat: Nach ausgeglichener erster Hälfte hatten sie zwischen der 41. und der 52. Minute elf Tore in Folge (!) kassiert, zumeist per Tempogegenstoß. Die fünf Helden von Athen, die vor gut zwei Wochen noch olympisches Silber gewonnen hatten, waren geradezu kollabiert. Zusammengebrochen.

Kreisläufer Schwarzer, Rechtsaußen Kehrmann sowie die Rückraumspieler Zerbe und Baur – sie waren am Ende ihrer Kräfte, auch Torwart Ramota war außer Form und hielt in den letzten 20 Minuten lediglich einen Ball. „Die Mannschaft wirkt ausgebrannt“, räumte Fynn Holpert ein. Der Manager des TBV hatte das Geschehen mit versteinerter Miene verfolgt: „Es fehlt fast alles, was uns ausgemacht hat: Tempo, Schnelligkeit, Dynamik – und das Herz.“ Stephan hatte gar nicht erst spielen können. Der Regisseur im Rückraum wird am Freitag am Ellenbogen operiert und fällt mindestens vier Wochen aus. Diese Verletzung hatte er aus Athen mitgenommen wie auch Schwarzer eine Adduktorenverletzung. Die Olympiateilnehmer müssen den Strapazen des ganzen Jahres – im Januar waren sie bereits Europameister geworden – Tribut zollen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben