Sport : Die Molle ist randvoll

Ein Selbsterfahrungskursin 17 LektionenVon Christi

Deutschland hat das Loben verlernt. Begeisterung: Fehlanzeige, und das kurz vor unserer WM. Berlin, die Finalmetropole, ist die Hauptstadt der Ungelobten, folglich auch der Unlobenden. Und die Hertha, mein zierlicher, gazellenartiger Lieblingsverein aus meiner großmäuligen Finalmetropole, ist so etwas wie die Vorstandsvorsitzende aller Ungelobten.

Es gibt nur einen Ausweg: Wir müssen uns zum Optimismus zwingen! Los geht’s: Ein fünfter Tabellenplatz ist glänzendes Gold in der herrlichen Berliner Frühlingssonne. Unsere Teilnahme am Uefa-Cup ist so sicher wie das Amen in der Ostermesse. Die Molle ist randvoll und nicht halb leer, liebe Leute! Putzt die Gläser eurer Rauchglasbrillen, denn was ihr heute zu sehen bekommt, wird in die Vereinsgeschichte der Hertha eingehen. Die Partie gegen die fiesen Dortmunder gewinnen wir mit traumwandlerischer Sicherheit, wir werden die Schwarz-Gelben in der giftigen Wolke unseres Insektenvertilgungsmittels namens Angriff über den Platz jagen. Dortmunder, verbreitert den Dortmund-Ems-Kanal, damit genug Platz ist für eure Tränen.

Wie bitte, ich übertreibe? Neige zur melodramatischen Überhöhung? Nein, ich glaube an diesen Verein. Ich glaube an die Dreifaltigkeit Hoeneß – Herthinho – Marcelinho. Ich glaube an die Auferstehung der Hertha aus dem sündhaften Sumpf des Mittelmaßes. Ich glaube an Stadionpunsch und Frank Zander. Ich glaube, der liebe Gott trägt eine abgerissene Hertha-Kutte.

Oliver Schröder, du flexibel einsetzbares Defensivtalent, der du diesen Verein verlassen willst: Gib alles, lehre uns heute, warum wir dich eines Tages vermissen werden! Mache dich unsterblich! Und Roman Weidenfeller, du angeknackster feindlicher Keeper, der du bist beim Physiotherapeuten, erhole dich gut, aber bleibe vernünftig und am heutigen Spieltag lieber auf der Bank!

In diesem Moment, am Schreibtisch meiner bescheidenen Stube, höre ich die Glocken einer Kirche feierlich läuten. Ein unmissverständliches Zeichen! Stumm und ergriffen betrachte ich mein frisch aufgebügeltes Trikot, das auf mich wartet. Dieses Jahr gibt es nur blau-weiße Osterhasen, und die Hertha wird wieder siegreich sein. Wir müssen nur dran glauben. Pessimismus: Fehlanzeige.

Und jetzt lasse ich mich taufen. Im Entmüdungsbecken. Halleluja.

Christian Ulmen, 30, ist Schauspieler und Hertha-Fan. Wenn Hertha BSC ein Heimspiel in der Bundesliga hat, erscheint seine Kolumne.

Ein Selbsterfahrungskurs

in 17 Lektionen

Von Christian Ulmen

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