Sport : Die Müdemacher

Argentinien bringt die Gegner an den Rand der Erschöpfung und schlägt dann zu

Sven Goldmann[Leipzig]

Es war spät geworden im Leipziger Zentralstadion. Ungeduldig absolvierten die Argentinier ihre obligatorischen Live-Interviews mit den Reportern aus Buenos Aires, Rosario und Mendoza. Nichts wie weg in den Mannschaftsbus und dann ab zum Feiern ins Renaissance-Hotel. Eine Party nach dem mühevollen Achtelfinalsieg über Mexiko, ist das nicht ein wenig übertrieben? Für einen Augenblick wirkte Javier Mascherano irritiert. Ach ja, das Spiel, „es war nicht leicht, aber wir haben verdient gewonnen“, sagte der defensive Mittelfeldspieler. 2:1-Sieg nach Verlängerung gegen Mexiko, ermöglicht durch ein wunderschönes wie glückliches Tor: einen Volleyschuss vom rechten Strafraumeck in den linken oberen Winkel, von dem Schütze Maxi Rodriguez sagte, „dass der Ball im Normalfall auf die Tribüne geht“. Damit war das Spiel schon abgehakt. Anlass der nächtlichen Party waren weder das Traumtor noch die Qualifikation fürs Viertelfinale gegen Deutschland. Die Argentinier feierten die Geburtstage von Lionel Messi und Juan Riquelme.

Wenn diese Kühle gespielt war, dann war sie gut gespielt. Jeder Argentinier wirkte auf dem Weg zum Bus entspannt und keineswegs gezeichnet von einem dramatischen Kampf, der für den WM-Favoriten schon in der Runde der letzten 16 das Ende hätte bringen können. Ist das Arroganz, Selbstbewusstsein, Mangel an Leidenschaft? Jose Pekerman definiert es mit seinem Lieblingswort: Kontrolle. „Die Spieler beider Mannschaften kennen sich sehr gut und haben sich lange Zeit neutralisiert“, sagte der argentinische Trainer. „Aber wir haben das Spiel immer kontrolliert, auch wenn es am Ende knapp war.“

Die Mannschaft lebt die Philosophie, die Pekerman ihr vorgibt. Auf dem Platz strahlt jeder Pass, jeder Schuss, jeder Angriff die Selbstsicherheit aus, über die nur große Mannschaften verfügen. So geht das nach dem Spiel weiter. Als kurz vor halb zwölf alles vorbei war, gab der kleine Argentinier Lionel Messi, am Samstag 19 Jahre alt geworden, dem großen Mexikaner Rafael Marquez einen anerkennenden Klaps auf den Rücken. Übersetzt in Worte bedeutete diese Geste ungefähr: Alle Achtung, ihr wart heute gar nicht so schlecht.

War die Einwechslung des dribbelnden Wunderkindes Messi kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit der Schlüssel zum Sieg? Diese These erscheint verführerisch, denn Messi und der ebenfalls neu ins Spiel gebrachte Carlos Tevez wirkten in ihren Szenen zwingender als ihre Vorgänger. Doch Hernan Crespo und Javier Saviola hatten die Mexikaner zuvor müde gespielt und die Herausforderung angenommen, vor die sie das laufintensive Spiel und die perfekte Raumdeckung gestellt hatten. Mit jeder Minute wuchs das Übergewicht der Argentinier. Am besten waren sie kurz nach der Pause, als Riquelme, Saviola und Rodriguez den Ball im Einkontaktspiel zirkulieren und den Gegner laufen ließen. Die Schritte der Mexikaner wurden immer schwerer. Messi und Tevez verlangten ihnen später den letzten Rest an Hingabe ab. Das Ende war vielleicht glücklich, aber logisch.

Sind Messi und Tevez auch so gut, wenn sie von Beginn an spielen, ohne den Vorteil, ausgeruht von der Bank zu kommen? Trainer Pekerman hatte dieses Experiment im letzten Gruppenspiel gegen Holland gewagt, und er wird seine Gründe dafür haben, dass die beiden gegen Mexiko wieder auf der Bank saßen. Messi ist so verspielt, dass er am liebsten jeden Ball haben und nie wieder hergeben würde. Wahrscheinlich hätte er sich in der perfekten mexikanischen Raumdeckung festgelaufen. Sein Spiel erzielt wie das von Tevez den größten Effekt, wenn er einer ermüdeten Abwehr in Eins-gegen-Eins-Situationen zusetzt. Auf diesen Vorteil wird Pekerman auch gegen Deutschland kaum verzichten.

Über ihren Viertelfinalgegner wollten die Argentinier in Leipzig nicht viel erzählen, mal abgesehen von Pekermans Pflichtkompliment, „dass wir Respekt haben vor einer großen Fußball-Nation. Wir hoffen auf ein großes Spiel“. Es gehört nicht zum argentinischen Selbstverständnis, sich nach außen lange mit dem Gegner auseinander zu setzen. Pekermans stolzer Blick schien zu sagen: Die Deutschen sollen sich gefälligst nach uns richten. Es wird dem Stab von Bundestrainer Klinsmann nicht entgangen sein, dass die Argentinier durchaus Schwächen haben. Etwa wenn schnell über die Flügel gespielt wird oder direkt in die Spitze, wo die Innenverteidiger Roberto Ayala und vor allem Gabriel Heinze keineswegs fehlerfrei wirkten. Torhüter Roberto Abbondanzieri, überragend auf der Linie, sah bei hohen Flanken nicht immer gut aus.

Vielleicht sind sie auch ein bisschen müde nach den 120 Minuten von Leipzig, das mochte selbst Pekerman nicht ausschließen: „Schon das Spiel vor drei Tagen gegen Holland war sehr anstrengend. Aber ich glaube und hoffe, dass die Mannschaft das wegsteckt.“ Hier sprang Carlos Tevez seinem Trainer zur Seite: „Die Kraft ist kein Problem“, sagte der Stürmer, aber er hatte sich ja auch 75 Minuten lang auf der Bank ausgeruht.

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