Sport : Die Mutter aller Enttäuschten

Nach der verpassten Medaille in der Staffel ist Franziska van Almsick um Geschlossenheit im Team bemüht

Frank Bachner[Athen]

Franziska van Almsick legte ihren Arm um die Schultern von Daniela Götz, so wie eine Mutter, die ihre Tochter tröstet. Götz liefen ein paar Tränen über die Wangen, vermutlich fühlte sie sich in diesem Moment wirklich beschützt von der Älteren. Van Almsick ist 26, sie erlebt gerade ihre vierten Olympischen Spiele, wer sonst sollte Daniela Götz, der 16-Jährigen, in diesem Moment das Gefühl von Geborgenheit geben? Es war eine schöne Geste, sie hatte etwas Symbolhaftes. Sie stehen zusammen, die deutschen Frauen, gerade dann, wenn sie umgeben von fahnenschwenkenden Zuschauern und jubelnden Konkurrentinnen, inmitten von tosendem Lärm eine Niederlage verarbeiten müssen. An der Anzeigentafel war diese Niederlage in gelben Zahlen dokumentiert. Platz vier Deutschland, 3:37,94 Minuten, 35 Hundertstelsekunden hinter Platz drei. Bronze hatten die Holländerinnen gewonnen.

Van Almsick nimmt Götz in den Arm, der Teamgeist lebt. Wenn es eine gute Nachricht von dieser Staffel gibt, dann ist es der Zusammenhalt der vier Frauen. Die Auftakt-Staffel ist schließlich ein sensibles Thema. Ihr Medaillengewinn gilt als Initialzündung, ein verpatzter Auftritt kann teaminterne Streitereien auslösen. Zumindest aber erhöht eine mäßige Platzierung den Druck auf die anderen, und Hannah Stockbauer war, wenn man so will, die erste Leidtragende mit ihrem eigenen Ausscheiden (siehe Artikel oben). In Sydney, bei den Olympischen Spielen 2000, verpasste die deutsche 4x100-m-Staffel Bronze um drei Hundertstelsekunden, anschließend fielen alle übereinander her. Die miese Stimmung übertrug sich sofort auf die ganze Mannschaft. In Athen aber hielten sich die vier Frauen schon vor dem Start an den Händen. „Wir hatten vorher gesagt, dass wir das gemeinsam durchstehen“, sagte van Almsick später.

Sie präsentierte sich als Leitfigur der Gleichgesinnten. Fast schon rührend verteidigte sie Daniela Götz. „Sie ist zum ersten Mal bei Olympischen Spielen, sie war furchtbar aufgeregt. Sie hat das alles hier ausgezeichnet gemeistert.“ Das waren hilfreiche Worte von Franziska van Almsick, dabei hätte sie diese Worte womöglich viel dringender gebraucht. Denn Daniela Götz ist zwar erst 16 Jahre, und es sind ihre ersten Olympischen Spiele, aber sie war dennoch auf Position drei der Staffel in 53,99 Sekunden die schnellste von denen, die im Gegensatz zu Startschwimmerin Buschschulte fliegend gewechselt haben.

Van Almsick kam nur auf 54,49 Sekunden, und sie hat diese Zeit wohl „als Wink mit dem Zaunpfahl betrachtet, dass ich mich hier voll reinhängen muss“. Vielleicht verzichtete sie auch deshalb auf die Schmetterling-Disziplin am Sonntag, denn ihr entscheidendes Rennen über 200 m Freistil findet morgen statt. Am Dienstag will sie in diesem Rennen Gold gewinnen.

Auch deshalb, weil jetzt der Druck noch wächst, war van Almsick natürlich nach dem Staffel-Rennen auch selbst enttäuscht. Und so blaffte sie einen Fragesteller vom Fernsehen zunächst heftig an, ob sie denn jetzt „heulen soll“. Aber van Almsick war auch ehrlich genug, um nichts schönzureden: „Es ist blöd, wenn man als Dritte ins Wasser springt und dann als Vierte anschlägt.“ Die Wellen der US-Amerikanerinnen hätten sie irritiert, den Wechsel mit Götz sei sie nicht gewohnt – das sind typische Van-Almsick-Sätze, die im Grunde nichts erklären, weil sie keine gute Erklärung hat.

Dass der vierte Platz so bitter wirkt, hat auch damit zu tun, dass Chef-Bundestrainer Ralf Beckmann von Gold orakelt und aufs deutsche Selbstbewusstsein gesetzt hatte. Das war riskant. Er erhöhte den Druck auf die eigenen Leute, steigerte die Erwartungshaltung. Aber offenbar weiß Beckmann, wie seelisch belastbar seine Athleten sind. „Wenn wir nicht Gold holen, stehen wir am nächsten Tag nicht mit eingeschlafenen Füßen auf“, hatte er vor dem Rennen auch gesagt – und dabei ganz sicherlich nicht an Hannah Stockbauer gedacht.

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