• Die Mutter, der Sohn, dessen Freundin und das schwierige Verhältnis zum Leichtathletik-Verband

Sport : Die Mutter, der Sohn, dessen Freundin und das schwierige Verhältnis zum Leichtathletik-Verband

Jörg Wenig

Der Fall Balzer begann vor ziemlich genau sechs Monaten in Sevilla mit einer Frage an Anja Rücker. Ein halbes Jahr später ist das Problem noch so heiß, wie es in der Stadt während der Leichtathletik-Weltmeisterschaften im vergangenen August war. Manches kann einem spanisch vorkommen, und so fragt sich der für den Sprintbereich verantwortliche Bundestrainer Uwe Hakus inzwischen: "Ich weiß gar nicht mehr, wo das eigentliche Problem ist." Nach ihrer Silbermedaille über 400 m hatte Anja Rücker keine Ansprüche gestellt an die prestigeträchtige Position der Schlussläuferin in der deutschen 4x400-m-Staffel. "Never change a winning team", hatte sie auf entsprechende Fragen geantwortet und rannte als Dritte in dem Quartett, das Platz drei belegte.

Das gefiel Karin Balzer nicht. Die Hürdensprint-Olympiasiegerin von 1964, die gemeinsam mit ihrem Mann Karl-Heinz den Sohn Falk in die Hürdensprint-Weltklasse geführt hatte, hatte nach der EM 1998 die Betreuung der Freundin des Sohnes übernommen. Der Erfolg war groß, der Ärger aber auch. Karin Balzer, die damals zur Verärgerung ihrer beiden Athleten nicht zum offiziellen Betreuerstab des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) gehörte, ließ im WM-Büro des Verbandes offenbar derart Dampf ab, dass sie hinauskomplimentiert wurde. Neben der Kritik an der Staffelaufstellung soll sie angeblich sogar Dopingvorwürfe gegen eine andere Läuferin erhoben haben. Das dementiert sie, und der DLV äußert sich dazu nicht. Aber es ist bezeichnend, dass der DLV den Ende 1999 ausgelaufenen Honorarvertrag mit Karin Balzer nicht verlängerte. "Von diesen Verträgen haben wir etwa 60 Stück mit Beträgen zwischen 200 und 300 Mark", erklärt DLV-Generalsekretär Frank Hensel und fügt hinzu: "Dafür erwarten wir eine stärkere Bindung an den DLV."

Von Bindung kann allerdings im Verhältnis Balzer/DLV zurzeit keine Rede mehr sein. Erst gewann Falk Balzer bei den Deutschen Hallen-Meisterschaften den Titel, dann holte er aus zum Rundumschlag: Den Pressesprecher des DLV, Stefan Volknant, bezeichnete er als Lügner, weil der nach entsprechenden Zeitungsartikeln mitgeteilt hatte, dass sich Karin Balzer in Sachen Honorarvertrag selbst an die Medien gewandt hatte. Mit der Fachzeitschrift "Leichtathletik" legte er sich aufgrund einer unglücklichen Formulierung an, um sich dann auf eine Klarstellung zu einigen. Nachdem Falk Balzer dann in der "Sportbild" gemeinsam mit Anja Rücker den DLV scharf kritisiert hatte, reagierte der DLV. Von Sanktionen war die Rede, bis hin zur Nicht-Nominierung Falk Balzers für Olympia. Nach einem Gespräch beider Seiten ist dies offenbar kein Thema mehr. Damit erspart sich auch der DLV weitere Probleme, denn wenn Falk Balzer heute bei der Hallen-EM in Gent über 60 m Hürden vielleicht sogar Europameister werden sollte, wäre die Fortsetzung gewiss. So aber halten sich beide Parteien an die in Chemnitz getroffene Abmachung, in der Öffentlichkeit nichts mehr zu dem Problem zu sagen. Auf eine Olympia-Akkreditierung durch den DLV darf Karin Balzer aber nicht hoffen. Trotzdem wird die Trainerin sicher nach Sydney fahren - so wie nach Sevilla.

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