Sport : Die Nachbarn kommen sich näher

Stefan Hermanns

Rotterdam - Rafael van der Vaart arbeitet erst seit etwas mehr als einem Monat in Deutschland, doch schon in dieser kurzen Zeitspanne ist er zu einigen neuen Erkenntnissen gelangt. Wie die meisten seiner Landsleute hat auch van der Vaart bisher gedacht, dass es vor allem Glück war, wenn deutsche Fußballteams in letzter Minute noch das entscheidende Tor erzielt haben. Beim Hamburger SV aber hat der holländische Nationalspieler jetzt festgestellt, dass dies mit Glück wenig zu tun hat: „Sie trainieren die letzte Minute.“ Es ist nicht die einzige scheinbar ewige Gewissheit im schwierigen deutsch-holländischen Fußballverhältnis, die in diesen Tagen ins Wanken gerät. Selten haben die niederländischen Medien so freundlich über die deutsche Nationalmannschaft berichtet wie vor dem Freundschaftsspiel in Rotterdam, das dann nicht einmal ausverkauft war.

Wie jeder Rivalität liegt auch der zwischen deutschen und niederländischen Fußballern eine zumindest latente Wertschätzung zugrunde. „Die Holländer spielen mit den schönsten Fußball der Welt“, sagt der deutsche Kapitän Michael Ballack. „Das gefällt uns auch.“ Die Deutschen haben schon immer mit Bewunderung auf den ästhetisch anspruchsvollen Fußball ihrer Nachbarn geblickt; die Niederländer beneiden die deutschen Kicker allenfalls um ihre Erfolge. Die nüchterne Ergebnisorientierung aber ist ihnen stets suspekt geblieben. Doch seitdem Jürgen Klinsmann und Marco van Basten ihre Nationalmannschaften trainieren, lässt sich die Welt nicht mehr so leicht in Gut und Böse unterteilen.

Das hängt nicht nur mit der Person Klinsmann zusammen, dessen Lockerheit für das holländische Verständnis gänzlich undeutsch ist; es hat auch etwas mit dem Fußball zu tun, den die Mannschaften spielen. Die Holländer haben unter van Basten vor allem in der Defensive überzeugt. Sechsmal hintereinander war die Mannschaft vor dem Spiel gegen Deutschland ohne Gegentor geblieben. Und gerade weil das Spiel der Holländer ein bisschen deutscher geworden ist – obwohl davon gestern ausgerechnet gegen Deutschland weniger zu spüren war –, registrieren die niederländischen Medien, dass „die Mannschaft“ zuletzt vor allem die Offensive gepflegt hat: „Deutschland schießt Tore, dass es eine wahre Lust ist“, hat die „Volkskrant“ geschrieben.

Einst sind die guten holländischen Fußballer vor allem nach Spanien, Italien oder England gewechselt. Inzwischen ist die Bundesliga wieder interessant geworden. Drei Nationalspieler (van der Vaart, Boulahrouz, Makaay) stehen dort unter Vertrag. Allerdings ist van der Vaart in seiner Heimat bei weitem nicht der Superstar, als der er in Deutschland vermarktet wird. Vor einigen Jahren wurde ihm eine Karriere bei Barcelona oder Manchester United prophezeit. Jetzt spielt er nur in Deutschland.

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