Sport : Die Nachfolger düpiert

Alexander Popows große Zeit schien vorbei zu sein – bis er bei der WM den Jungen davonschwamm und Gold holte

Frank Bachner

Barcelona. Thomas Rupprath lag auf einer Massagebank, Alexander Popow lag auf der Bank daneben. Stefan Füg tauchte auf, Ruppraths Manager. Er wollte eigentlich nur plaudern. Aber Rupprath deutete mit dem Kopf in Popows Richtung und murmelte: „Da liegt Popow. Er grüßt mich immer.“ Füg sagte später, Rupprath habe es voller Ehrfurcht gesagt. „Es ist unglaublich, welchen Respekt er vor ihm hat.“ Rupprath ist Europameister über 100 m Schmetterling, er hat 27 internationale Medaillen geholt, er hat sieben Weltrekorde aufgestellt – und ist stolz darauf, dass Alexander Popow ihn grüßt. Es gibt unter Schwimmern den Spruch: Wenn dich Popow lobt, bist du wirklich gut. Popow gilt als Legende, als Gesamtkunstwerk. Keiner bewegt sich so elegant im Becken wie er. Wenn Popow schwimmt, sieht es so aus, als gleite er übers Wasser. „Zar“ haben ihn die US-Amerikaner getauft. Popow kommt aus Swerdlowsk/Russland, deshalb.

Aber erst die Mischung aus Eleganz, Erfolg und seiner Freundlichkeit gegenüber Konkurrenten erhob ihn zur Legende. Der Russe beherrschte die Freistilstrecken über 50 m und 100 m zwischen 1992 und 1999, er wurde viermal Olympiasieger. Aber bei der Europameisterschaft 1999 und den Olympischen Spielen 2000 wurde er über 100 m Freistil von Pieter van den Hoogenband, dem jungen Niederländer, besiegt. Es waren Popows bitterste Niederlagen. Eine Legende litt, und viele Konkurrenten hielten scheu Abstand. Es gab kaum Häme, dafür oft nur noch mehr Respekt. Aber die große Zeit des großen Popow schien zu Ende zu sein, endgültig.

Zum Auftakt der Schwimm-Weltmeisterschaft in Barcelona hatte der 31-Jährige erstmals in seiner Karriere Gold mit der Freistilstaffel gewonnen und den Europarekord auf 3:14,06 Minuten gesteigert. Und dann kam der Donnerstagabend und mit ihm Popows großer Auftritt. 100 m Freistil, das Finale. Popow besiegt van den Hoogenband, er besiegt Ian Thorpe, den australischen Topstar, er gewinnt in 48,42 Sekunden, er wird Weltmeister, mit 31 Jahren. Tausende in der Halle standen auf und jubelten. Es gab Fans, die hatten Tränen in den Augen. Thorpe, 20, umarmte ihn auf dem Siegerpodest mit ungewohnter Innigkeit, van den Hoogenband, 25, drückte seinem einstigen Vorbild noch im Wasser die Hand. Der Holländer sagte später: „Ich verliere lieber gegen Alexander als gegen Ian Thorpe.“ Es ist schwer zu sagen, wie sehr sich Popow über diesen Sieg freute. Die Journalisten starrten ihn erwartungsvoll an. Sie wollten die bewegenden Worte und seine Gefühle, aber er redete nur davon, dass er „hauptsächlich eine optimale Zeit“ schwimmen wollte. „Die Platzierung war nebensächlich.“ Ob denn jetzt sein Rachegefühl befriedigt sei, nach dem Sieg gegen van den Hoogenband, wollte einer wissen. Da blickte Popow streng und sagte: „Es gibt keine Rache im Sport, es gibt nur einen Wettbewerb. Große Sportler wissen, wie man gewinnt, sie wissen, wie man verliert.“

So ist Popow. Er bedient selten Erwartungen, er macht sein eigenes Ding. Richtig nahe im Sport kommt ihm wohl nur Gennadi Turetski, der berühmteste Schwimmtrainer der Welt. Popows Trainer, seit elf Jahren. „Ihm habe ich sehr viel zu verdanken“, sagt der Russe, „er findet immer neue Wege, um mich zu motivieren.“ Es ist längst eine Art Vater-Sohn-Beziehung. Als Popow 1992 nach Australien zog, traf er dort auf Turetski, den der australische Verband als Coach geholt hatte. Aber 2002 erhielt der Trainer keinen neuen Vertrag mehr. Es gab Alkoholprobleme.

Turetski zog im Winter 2002 in die Schweiz, nach Solothurn. Der Schweizer Verband verpflichtete ihn. Popow ging mit. Und so kommt es, dass die Schwimm-Legende und der kleine, bullige Trainer in einem kleinen Hallenbad der Sportschule Magglingen trainieren und sich auf den letzten großen Auftritt vorbereiten. Olympia 2004 in Athen. Gewinnt Popow dort eine Medaille, wird er der erste Schwimmer sein, der bei vier Olympischen Spielen Edelmetall gewinnt. Nach Athen wird er als Marketing-Mann arbeiten, bei einem großen Uhren-Konzern, der den Russen schon jetzt sponsert.

Thomas Rupprath wird Popows Abschied wohl bedauern. Es ist ja für den Europameister nicht selbstverständlich, dass ihn Schwimm-Legenden grüßen: „Der Ian Thorpe kennt mich nicht mal.“

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