Sport : Die Nachlassverwalter

Bei Pokalsieger Bremen löst sich der Jubel auf

Friedhard Teuffel

Berlin - Als Valerien Ismael den DFB-Pokal vom Podest hob und aus dem Saal trug, wirkte er wie ein Nachlassverwalter. Mit großer Sachlichkeit nahm der Fußballspieler die Trophäe unter den Arm und verließ das Bankett des SV Werder Bremen im Hotel Ritz-Carlton am Potsdamer Platz. Unter Ismaels Arm erschien der Pokal auf einmal wie ein Erbstück aus einer besonderen Zeit. Es war wohl die beste Zeit, die Werder Bremen in seiner Vereinsgeschichte erlebt hat. Aber sie ist nun zu Ende.

Vielleicht haben sich die Spieler gerade von ihr verabschiedet – bei der Veranstaltung, die eigentlich eine Pokalsiegesfeier werden sollte. Und der Verein hat dabei auch noch ein bisschen mitgeholfen, indem er sie weit auseinander gesetzt hat in dem großen Saal. Nach drei Stunden Melancholie hatte auch der letzte Bremer Spieler den Raum verlassen. Die meisten von ihnen sind noch zusammen in eine Diskothek gegangen zum letzten gemeinsamen Tanz.

Nach so vielen Feiern haben die Bremer Spieler nun erst einmal genug voneinander, und das Größte hatten sie am Samstag ohnehin schon hinter sich. „Das Gefühl in München nach der gewonnenen Meisterschaft war am stärksten“, sagte Werders Kapitän Frank Baumann. Es konnte auch nicht mehr übertroffen werden von der gemeinsamen Zugfahrt zurück nach Bremen, die in Hannover unterbrochen wurde, weil Aufsichtsratschef Franz Böhmert Appetit auf eine Currywurst hatte. Und auch nicht vom Empfang in Bremen vor 40 000 Fans.

Der Pokalsieg durch ein 3:2 gegen Alemannia Aachen im Finale war eine Abrundung der Saison, keine Steigerung, obwohl es Werder bisher noch nie geschafft hatte, beide Titel in einer Runde zu gewinnen. Immerhin hätte es für dieses letzte Kapitel keinen besseren Ort geben können als das Berliner Olympiastadion, das fand auch Trainer Thomas Schaaf: „Hier in Berlin hat alles angefangen mit einem 3:0 im ersten Saisonspiel gegen Hertha BSC, und hier schließt sich der Kreis.“ Auch die diesjährige Pokalkarriere der Bremer hatte ganz in der Nähe begonnen, mit einem 9:1 beim brandenburgischen Klub Ludwigsfelder FC.

Nun könnte aus dem Spaß, den der Bremer Manager Klaus Allofs nach der Siegerehrung machte, Ernst werden: „Ich weiß gar nicht, wie es weitergehen soll. Ich bin total verzweifelt.“ Vor den Bremern tut sich jedenfalls ein schwarzes Loch auf, in dem sich alles verbergen kann, aber sicher nicht noch einmal so eine großartige Spielzeit voll Unbekümmertheit und Fußballfreude. Das liegt schon daran, dass auf die Bremer eine Druckwelle aus Erwartungen zurollt. Außerdem verlieren sie ihren Glücksbringer Ailton. Von den Spielern, die Werder verlassen, verabschiedete Allofs ihn als letzten und sagte: „Ohne dich wären wir nicht Deutscher Meister geworden.“

Ein bisschen heiterer wäre der Pokalsieg wohl auch ausgefallen, wenn die Bremer einen besseren Partner gehabt hätten. Doch die Aachener konnten das Finale weder mit ästhetischem Fußball, noch mit großen Gefühlen anreichern. Kaum war das Spiel beendet, redeten sie über das drohende Auseinanderfallen der Mannschaft. Am Montag löste der Verein den Vertrag mit Trainer Jörg Berger auf. Er hatte schon beim Bankett am Samstag eine kleine Ansprache mit dem Satz beendet: „Es war eine schöne Zeit.“ Die Einzigartigkeit dieser Saison war ihm wohl genauso bewusst wie den Bremern.

Die Siegesfeier von Turbine Potsdam nach dem Frauenfinale: Seite 12.

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