Sport : Die Nacht der Sonnenbrille

Luan Krasniqi bleibt durch ein Remis gegen Timo Hoffmann Europameister

Michael Rosentritt

Berlin - Wenn ein Boxer nach einem Kampf zur Sonnenbrille greift, ist das kein gutes Zeichen. Er tut das, weil er sich schämt für die Verunstaltungen in seinem Gesicht. Schläge des Gegners tun nicht nur weh, sondern sie hinterlassen mitunter hässliche Spuren. Wie bei Luan Krasniqi. Als der 33-Jährige in der Nacht auf den Sonntag zur Pressekonferenz erschien, trug er eine Sonnenbrille, wie man sie von Ray Charles kennt – groß, breit, schwarz. Krasniqis Gesicht schillerte in bunten Farben und war so geschwollen, dass nicht einmal die Brille gerade sitzen wollte. „Wir sind keine Leute, die Tennis oder Fußball spielen“, fauchte Krasniqi den Reporter an, der wissen wollte, was er beim Blick in den Spiegel gedacht habe. „Falls Sie es nicht wissen sollten: Wir sind Boxer!“

Zwölf physisch intensive Runden hatte sich der Boxer aus Rottweil mit Timo Hoffmann vor 4000 Zuschauern im Neuköllner Estrel Convention Center und Millionen Menschen im ZDF im Kampf um die Schwergewichts-Europameisterschaft duelliert. Als Hoffmann, der Herausforderer aus Eisleben, um ein Statement zum Kampf gebeten wurde, sagte er: „Gucken Sie sich das Gesicht meines Gegners an, das sagt alles.“

Wenn es allein um den Grad der Verunstaltung in den Gesichtern der beiden Kontrahenten gegangen wäre, wäre Hoffmann in dieser Nacht eindeutig der Sieger gewesen. Er war es aber nicht. Zwei Punktrichter hatte den Kampf unentschieden gewertet (je 114:114), der dritte am Ring hatte auf seinem Zettel Hoffmann leicht vorn (115:113). Das Gesamturteil lautete: Unentschieden nach Mehrheitsentscheidung. Damit bleibt Luan Krasniqi Europameister. „Ich habe den Anfang verschlafen, aber ich bin froh, dass es am Ende noch gelangt hat“, sagte der Titelträger. Genau genommen wehrte Krasniqi in den beiden Schlussrunden eine drohende Niederlage ab. „Ich hätte den Kampf leicht gewinnen können, aber ich habe die zwölfte Runde abgegeben“, sagte Herausforderer Hoffmann, der 14 Kilogramm schwerer war und mit seiner Körpergröße von 2,02 Meter auch klare Reichweitenvorteile hatte. Krasniqi dagegen boxte etwas variabler und beweglicher. Einen richtigen Punch aber haben beide nicht in ihren Fäusten, sonst wäre der Kampf nicht über die Distanz gegangen.

„Es waren ganz enge Runde, die Stimmung in der Halle kippte hin und her. Dieser Kampf schreit nach einer Revanche“, sagte ausgerechnet Luan Krasniqis Manager Klaus-Peter Kohl. Krasniqi selbst wehrte dieses Ansinnen ab. Sportlich wäre das sicher gut, „aber dieser Typ hat einfach keinen Rückkampf verdient, nachdem, was er in der Woche vor dem Kampf alles abgelassen hat, wie er mich erniedrigt und beleidigt hat“, sagte der Titelträger. Hoffmann hatte keine Gelegenheit ausgelassen, den aus Albanien stammenden und vor 20 Jahren in Deutschland eingebürgerten Krasniqi verbal zu provozieren. Er wolle „den Titel wieder nach Deutschland holen“, hatte Hoffmann gesagt. Ob er auch nach dem Kampf zu seinen Äußerungen stehe, wurde Hoffmann gefragt: „So etwas gehört doch zum Boxen“, antwortete Hoffmann, „und Sie von der Presse hatten doch viel Freude daran, oder?“

Ein Rückkampf erscheint unausweichlich. Ein besonderes Interesse daran haben die beiden Promoter der Boxer, Kohl (Krasniqi) und Wilfried Sauerland (Hoffmann), die angeblich schon die Verträge unterschrieben haben. Die Neuauflage würde dann in der ARD zu sehen sein, nachdem diesmal Kohls Partner ZDF übertragen durfte. Man solle nicht alles so ernst nehmen, was im Vorfeld gesagt werde, sagte Kohl: „Das ist ja nun mal kein Schulmädchensport.“ Auch Sauerland sprach sich für eine Wiederholung aus. „Timo bleibt Pflichtherausforderer. Entweder ist Luan ein Kerl und stellt sich, oder er ist ein Feigling.“ Und so etwas hört ein Boxer nun überhaupt nicht gern.

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