Sport : Die Nacht der Tränen

Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler spielen ein denkwürdiges Doppelfinale und verlieren am Ende Gold

Benedikt Voigt[Athen]

Der Nacht gehören die tiefsten Gefühle, und deshalb ist es vielleicht kein Zufall, dass sich dieses Unglück um weit nach Mitternacht abspielt: Um 3.21 Uhr Ortszeit sitzt der Tennisprofi Nicolas Kiefer vor einem Dutzend deutscher Journalisten in einem fensterlosen Raum und weint. Keiner traut sich, eine Frage zu stellen, denn was soll man einen Menschen fragen, der gerade die Chance seines Lebens verpasst hat. Die Minuten verstreichen, und die Trauer breitet sich in dem fensterlosen Raum aus. Sie hält alle gefangen. Nicolas Kiefer schlägt seine Hände vors Gesicht und schluchzt. Nach einer kleinen Ewigkeit sagt er stockend: „Das ist brutal, diese Gelegenheit kommt nur einmal im Leben – wenn man die nicht nutzt …“

Wenn künftig die Geschichte der Olympischen Spiele 2004 erzählt wird, sollte auch das Finale im Herrendoppel erwähnt werden. Um 22.55 Uhr schlug Rainer Schüttler den ersten Ball eines denkwürdigen Matches, um 2.38 Uhr lagen sich die Chilenen Fernando Gonzalez und Nicolas Massu jubelnd auf dem Boden des Hartplatzes in den Armen. Rainer Schüttler und Nicolas Kiefer bekamen zwar nach dem 2:6, 6:4, 6:3, 6:7, 4:6 um drei Uhr nachts Silbermedaillen umgehängt, trotzdem blieben sie untröstlich. „Es ist schwer, sich zu freuen, wenn man Gold gewinnen kann“, sagte Kiefer. Im vierten Satz hatte das deutsche Doppel im Tiebreak vier Matchbälle hintereinander vergeben.

„Uns hat einfach das Glück gefehlt“, sagte Schüttler, „wir haben es versäumt, einen Ball mehr zu machen.“ Beim Stand von 6:2 im Tiebreak besaß das deutsche Doppel vier Möglichkeiten, sich die Goldmedaille zu sichern. Doch jedes Mal vergaben sie diese historische Chance. „Näher an der Goldmedaille kann man nicht sein“, sagte Nicolas Kiefer weinend, „das ist unfassbar.“

400 Zuschauer hatten im olympischen Stadion bis zum letzten Ballwechsel ausgeharrt. Das Spiel fand erst deshalb so spät statt, weil im ersten Match des Tages Fernando Gonzalez 3:25 Stunden benötigt hatte, um sich mit 16:14 im dritten Satz gegen Taylor Dent die Bronzemedaille zu sichern. Nach dem Frauenfinale musste der 24-jährige Chilene erneut auf den Platz. Am Ende hatte er sieben Stunden und acht Minuten auf dem Tennisplatz verbracht. Rainer Schüttler überraschte dieser Kraftakt nicht. „Wer auf der ATP-Tour spielt, der kann auch ein Einzel und ein Doppel an einem Tag aushalten.“

Die späte Zeit habe ihn nicht beeinträchtigt. „Wenn man in einem olympischen Finale steht, ist die Uhrzeit egal“, sagte der 28-Jährige, „dann muss man hellwach sein.“ Allerdings hatte das deutsche Doppel im ersten Satz einen anderen Eindruck hinterlassen. „Da war noch kein Feuer drin“, sagte Teamchef Patrik Kühnen.

Unter den Zuschauern waren auch viele Deutsche. „Es war eine geile Stimmung“, sagte Nicolas Kiefer, „wir müssen uns bedanken, dass so viele da draußen geblieben sind.“ Doch die Zuschauer dürften das Schlafdefizit nicht beklagen, denn im vierten und fünften Satz entbrannte ein dramatischer Kampf. Nach sieben Breaks im fünften Satz retournierte Rainer Schüttler den dritten Matchball der Chilenen ins Aus. Die Nacht der Tränen begann.

In der Pressekonferenz nach dem Match versuchen die Journalisten Kiefer aufzumuntern, sie versuchen den Wert einer Silbermedaille zu betonen. Nichts kann ihn trösten. „Wir waren so knapp vor Gold, das ist unglaublich.“ Der 27-Jährige galt einmal als unsympathischer Spieler, er wirkte arrogant, korrigierte die Menschen, die seinen Vornamen nicht korrekt auf Französisch aussprachen. Nun erklärt er, warum er trotz seiner Tränen zur Pressekonferenz gekommen ist. „Ich habe mir vorgenommen, bescheiden im Sieg und bescheiden in der Niederlage zu sein.“ Nicolas Kiefer steht auf und verlässt weinend den Raum.

Er geht als Sieger, aber er weiß es noch nicht.

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