• Die Nationalmannschaft vor dem Test in Italien: Es besteht noch Hoffnung für Mitchell Weiser von Hertha BSC

Die Nationalmannschaft vor dem Test in Italien : Es besteht noch Hoffnung für Mitchell Weiser von Hertha BSC

Dass Mitchell Weiser von Hertha BSC nicht für den Test gegen Italien nominiert wurde, muss nichts heißen: Der Bundestrainer wird bis zur WM 2018 noch viel ausprobieren.

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Mitchell Weiser ist bisher nur in der U 21 zum Einsatz gekommen - aber das muss für den Außenverteidiger von Hertha BSC nicht das Ende sein.
Mitchell Weiser ist bisher nur in der U 21 zum Einsatz gekommen - aber das muss für den Außenverteidiger von Hertha BSC nicht das...Foto: imago/Nordphoto

Wenn man ergründen will, wann das alles angefangen hat, landet man unweigerlich bei Piotr Trochowski. Der Mittelfeldspieler, der beim Hamburger SV die beste Zeit seiner Karriere erlebt hat, galt einmal als verheißungsvolles Talent. Das sagt einiges über Trochowski, aber mehr noch über den Zustand des deutschen Fußballs vor gar nicht allzu lange Zeit. Vor ziemlich genau zehn Jahren hat der damalige U-21-Nationalspieler in der deutschen A-Nationalmannschaft debütiert. Es war bei einem Freundschaftsspiel gegen Georgien, als Bundestrainer Joachim Löw Trochowski erstmals aufs Feld schickte – obwohl die U 21 zur selben Zeit ihr Play-off-Hinspiel für die Europameisterschaft bestreiten musste.

Löw hat die Nöte des damaligen U-21- Trainers Dieter Eilts geflissentlich ignoriert. „Er bleibt hier“, verkündete er nach dem Test gegen Georgien; der Bundestrainer nahm Trochowski auch mit zum EM-Qualifikationsspiel in die Slowakei, wo er eine Viertelstunde vor Schluss beim Stand von 4:1 eingewechselt wurde – während die U 21 ohne ihren Führungsspieler Trochowski durch ein 0:2 gegen England die EM verpasste und in der Folge auch die Teilnahme an den Olympischen Spielen.

Seitdem gilt im deutschen Fußball die Lex Trochowski. Sie besagt erstens, dass der Bundestrainer das Erstzugriffsrecht auf alle Talente hat. Und zweitens: dass Spieler, die sich in der A-Nationalmannschaft halbwegs etabliert haben, nicht mehr zur U 21 zurückkehren, weil sie das als Degradierung empfinden könnten. Aktuell wird diese Regelung immer weiter aufgeweicht. Alles andere wäre für Stefan Kuntz, den Nach- Nach-Nachfolger von Dieter Eilts als U-21-Trainer, auch eine mittlere Katastrophe: Von den zwanzig Spielern, die in Löws Aufgebot für das Länderspiel gegen Italien stehen, könnten acht noch für die U 21 auflaufen – unter anderem die drei Neulinge Serge Gnabry, Benjamin Henrichs und Yannick Gerhardt, der am Dienstag in Mailand wohl sein Debüt geben wird.

Die Grenze zwischen A-Team und U 21 ist durchlässiger geworden - in beide Richtungen

In der Vergangenheit hat Löw immer auf einer strikten Trennung zwischen A-Team und U 21 bestanden. Das ändert sich jetzt. „Die beiden Mannschaften rücken näher zusammen“, sagt Kuntz. Natürlich genießt die A-Nationalmannschaft Priorität, aber inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch Erfolge der U 21 (Europameister 2009, Olympiazweiter 2016) einen positiven Effekt aufs große Ganze haben. „Ein Spieler, der zwei oder drei Mal bei der A-Nationalmannschaft gespielt hat und dann wieder bei uns dabei ist, wird das nicht als Herabstufung empfinden“, sagt Kuntz. „Weil er weiß, dass es eine Schnittmenge von Spielern gibt, die mal in der U 21 spielen, mal im A-Kader stehen.“

Das ist gerade im Hinblick auf den kommenden Sommer wichtig. Am 16. Juni beginnt die U-21-EM in Polen, am 17. Juni der Confed-Cup in Russland. Weil Joachim Löw bereits angekündigt hat, dass er bei diesem Turnier ein Perspektivteam aufbieten will, lässt sich schon jetzt absehen, dass der Bundestrainer und Stefan Kuntz personell weitgehend im selben Teich fischen werden. Dass Löw für die Länderspiele gegen San Marino und Italien Gnabry, Henrichs und Gerhardt nominiert hat, ist deshalb keine Festlegung für alle Zeiten – nicht einmal für den Confed-Cup. Die wirklich wichtige Bezugsgröße für den Bundestrainer ist die Weltmeisterschaft 2018. Die Zeit bis dahin will er nutzen, um sich von möglichst vielen Kandidaten einen persönlichen Eindruck zu verschaffen. Wer schon jetzt in der A-Nationalmannschaft vorspielen durfte, muss das nicht zwingend im kommenden Sommer tun.

Im Umkehrschluss heißt das: Spieler, die Löw bisher nicht berücksichtigt hat, werden mit Sicherheit auch noch ihre Chance bekommen. Aus der Startelf der U 21, die am Donnerstag in der Alten Försterei 1:0 gegen die Türkei gewonnen hat, werden mindestens Matthias Ginter, Mahmoud Dahoud, Maximilian Arnold, Timo Werner und Leroy Sané als nationalmannschaftstauglich eingeschätzt – und natürlich Mitchell Weiser.

Der 22-Jährige zählt zur in Deutschland immer noch raren Spezies der Außenverteidiger, aber nicht nur deshalb haben viele schon lange mit einer Nominierung Weisers gerechnet. „Er bringt zurzeit brutale Leistungen“, sagt Niklas Stark, sein Mitspieler sowohl bei Hertha BSC als auch in der U 21. Michael Preetz, der Manager der Berliner, hat sich vor einer Woche erneut für Weiser verwandt, nachdem der zwei Tore zum 3:0-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach vorbereitet hatte. „Ich mache das normalerweise nicht“, sagte Preetz. „Ich finde aber, dass Mitch eine Menge sportlicher Argumente geliefert hat, um mal eingeladen zu werden.“

Anstelle von Weiser hat Löw diesmal Benjamin Henrichs von Bayer Leverkusen eingeladen. Der 19-Jährige ist ohne Zweifel ein herausragendes Talent, kommt aber auf gerade mal 18 Einsätze in der Bundesliga. Am Freitag, beim 8:0-Sieg gegen San Marino, durfte er sich 90 Minuten als rechter Außenverteidiger versuchen. Henrichs sei schnell, aggressiv im Zweikampf, habe eine gute Technik, sagt Löw; der Leverkusener ist aber auch deshalb für ihn interessant, weil er nicht nur rechts, sondern auch links spielen kann, weil er „die Umstellung gut verkraftet“.

Weiser kann dafür auf der rechten Seite sowohl hinten in der Viererkette als auch vorne im Mittelfeld auflaufen. „Wie er die Mannschaft von hinten heraus führt, ist schon beeindruckend“, hat U-21-Trainer Kuntz nach dem Spiel gegen die Türkei gesagt. Kuntz kennt Weiser schon lange. Er war Vorstandsvorsitzender des 1. FC Kaiserslautern, als Weiser an den FCK ausgeliehen war. „Er hat einen wahnsinnigen Sprung nach vorn gemacht“, sagt Kuntz, wenn er den Weiser von 2013 mit dem von 2016 vergleicht. Der entscheidende Satz aber steht noch aus.

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