Sport : Die neue Härte

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Von Helen Ruwald

Berlin. Gut, dass sich direkt neben dem verglasten Kabuff, in dem bei den German Open die Pressekonferenzen stattfinden, das Büffet für die Journalisten befindet. So war Rettung nah, als Sandrine Testud nach dem 3:6, 7.5, 4:6 im Viertelfinale gegen Jennifer Capriati bei hochsommerlichen Temperaturen der Schweiß herunterlief. „Heiß hier“, sagte sie und schlenkerte mit den Armen. Eiligst wurde vom Büffet ein Stapel Servietten beschafft, mit dem die Französin an ihren Armen herumwischte, während sie die Niederlage analysierte. Das Spiel war für beide harte Arbeit gewesen. Testud hatte gut gespielt, im dritten Satz aus einem 1:5 noch ein 4:5 und 30:30 gemacht, ehe Capriati den ersten Matchball verwandelte. „Ich habe blöde Fehler gemacht. Capriati spielt eine bessere Vorhand als Rückhand, also wollte ich mehr auf ihre Rückhand spielen. Das hat nicht funktioniert“, sagte Testud, die dennoch fröhlicher dreinblickte als die Weltranglisten- Zweite Capriati, die mit dem Turniersieg Venus Williams von Postion eins verdrängen würde. Im Halbfinale trifft sie heute auf die Belgierin Justine Henin.

Im schwarzen langärmligen Kapuzenshirt, ohne jegliche Hitzewallung, saß Capriati da. Abgekühlt und kühl. Müde und fast schon gelangweilt rieb die 26-Jährige mit den Fingern mit dem silbernen Nagellack an ihrem Kinn herum und verzog den Mund, als sie gefragt wurde, ob sie mit irgendeinem Teil ihres Spiels nicht zufrieden sei. „Ich bin mit meinem ganzen Spiel ziemlich glücklich.“ Ansehen konnte man es ihr nicht.

Auf Fotos abseits des Tennisplatzes lacht Jennifer Capriati immer. Weil nur Bilder mit einer strahlenden Amerikanerin das Heute in ihrer Lebensgeschichte angemessen illustrieren. Im Gegensatz zum Gestern. Häufig ist von ihrem wundersamen Comeback die Rede, das dem Absturz nach dem Aufstieg als Teenager folgte. Mit 14 rangierte Capriati bereits unter den Top Ten, mit 16 wurde sie Olympiasiegerin in Barcelona – im Finale schlug sie Steffi Graf. Doch der frühe Erfolg war zu groß, ebenso der Druck von außen.

Sie, die Millionärin, wurde beim Klauen erwischt, nahm Drogen, wurde dick, konnte sich selbst nicht ausstehen. 1994 fiel sie aus der Weltrangliste, im folgenden Jahr spielte sie überhaupt nicht. Mühsam und mit innerer Härte, auf kleinen Plätzen ohne Zuschauer und Reporter kämpfte sie sich wieder heran, von Weltranglistenplatz 121 anno 1998 bis zur Nummer eins, die sie erstmals im Oktober 2001 übernahm, nachdem sie bei den Australian Open den ersten Grand Slam ihrer Karriere gewonnen hatte. Anschließend siegte sie auch bei den French Open und erreichte in Wimbledon und bei den US Open jeweils das Halbfinale.

Capriati hatte geschafft, was ihr keiner zugetraut hatte. Sie war wieder da. Und besser denn je. Im Januar verteidigte Capriati ihren Titel in Australien durch einen Dreisatzsieg gegen Martina Hingis.

Doch ganz ohne Probleme ist Capriatis Leben auch jetzt nicht. Vor zwei Wochen kam es zum Eklat, sie flog unmittelbar vor dem Spiel des amerikanischen Fed-Cup-Teams gegen Österreich aus der Mannschaft. Statt mit dem Team hatte sie mit ihrem Vater Stefano, der sie coacht, trainiert. Inakzeptabel für Team-Kapitän Billie Jean King. Jennifer Capriati durfte zu ihrem Einzel nicht antreten, die USA verloren.

Bei den German Open besiegte sie in den ersten Runden ihre Landsfrau Meilen Tu und auch Iroda Tuljaganowa deutlich. Nach dem Sieg gegen die Usbekin stand Stefano Capriati vor der verglasten Pressekabine, hörte über Lautsprecher, was seine Tochter erzählte. Ein stolzer Mann war zu sehen, zufriedener als seine Tochter, für die Erfolge gegen Tu, Tuljaganowa und Testud nicht bedeutend genug sind, um übermütig zu werden.

Vielleicht ändert sich das mit einem Sieg bei den German Open. Zum siebten Mal tritt Jennifer Capriati in Berlin an, noch nie konnte sie das Turnier gewinnen. Vor einem Jahr unterlag sie im Finale Amelie Mauresmo.

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