Sport : Die neue Härte

Das Konzept des Leichtathletikverbands: Die Athleten müssen ihre Leistungsfähigkeit öfter beweisen

Friedhard Teuffel

Berlin - Die Athleten waren nicht gut genug, also müssen die Sportplaner jetzt umso besser sein. Nur zwei Silbermedaillen hatten die deutschen Leichtathleten von den Olympischen Spielen aus Athen mitgebracht, Steffi Nerius im Speerwerfen und Nadine Kleinert im Kugelstoßen. Damit war Deutschland in der Nationenwertung auf Platz elf zurückgefallen. In den zurückliegenden Wochen hat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) sein neues Leistungssportkonzept erarbeitet, mit dem wieder der Sprung unter die besten fünf Nationen gelingen soll.

Der Kern des Konzepts ist ein Wertewandel. Der DLV will eine neue Härte walten lassen. Künftig müssen die Athleten zweimal im Jahr die Norm erfüllen, und selbst dann haben sie noch nicht die Nominierung für die Europameisterschaft, Weltmeisterschaft oder die Olympischen Spiele sicher. „Wir wollen nahe zum Wettkampf noch einmal die Norm überprüfen. Vorher gibt es nur eine vorläufige Nominierung“, sagt DLV-Generalsekretär Frank Hensel, der das Konzept erstellt hat. Seit den Olympischen Spielen 2000 in Sydney habe der DLV seine Normansprüche an die Athleten immer weiter reduziert. Das sei der falsche Weg, sagt Hensel.

Es ist nicht der Misserfolg allein, der den DLV zum Umdenken zwingt. Durch das schwache Abschneiden in Athen verliert der Verband auch 25 Prozent seiner Zuschüsse durch das Bundesinnenministerium. Von den 31 hauptamtlichen Trainern wird der DLV daher wohl sechs nicht mehr weiterbeschäftigen. Vor allem die Trainerstellen sollen wegfallen, die sich mit der Koordination befasst haben. Dafür sollen die Heimtrainer gestärkt werden. Auch die Zahl der geförderten Athleten reduziert der DLV drastisch. Statt bisher 66 Athleten sollen nur noch 16 zum A-Kader gehören. Das Topteam für die Olympischen Spiele 2008 umfasst bislang 56 Sportler, 22 von ihnen räumt der DLV derzeit Aussichten auf eine Medaille ein.

An diesem Wochenende werden Präsidium und Verbandsrat des DLV in Mühltal bei Darmstadt das neue Konzept verabschieden. Eine lange Aussprache ist nicht geplant. Auch der DLV-Ehrenpräsident Helmut Digel wird sich zurückhalten. Dabei hatte er ein eigenes Strategiepapier vorgelegt, das weit über Hensels Vorschläge hinausgeht. Digel will, dass es in Zukunft Vertragsathleten gibt, die mehr Geld vom Verband bekommen, aber dafür auch mehr Verpflichtungen haben. Sie sollen sich stärker der Leistungsdiagnostik stellen. „Bisher nehmen nur ganz wenige Athleten diese Dienste in Anspruch“, kritisiert Digel. An seinem Plan wird der Professor für Sportwissenschaft aus Tübingen jedoch nicht festhalten. „Der moralische Druck ist so hoch, dass man das vorliegende Konzept akzeptieren muss.“ Schon im Januar soll das Konzept schließlich umgesetzt werden. Es wird also im mehr oder weniger freiwilligen Konsens beschlossen.

So hart der DLV künftig die Leistungen der erwachsenen Athleten beurteilen will, so mild will er manche Nachwuchsleistung bewerten. „Es wird zu früh zu stark auf Leistung gegangen“, sagt Hensel. Die altersspezifische Leistung sei in den vergangenen Jahren zu hoch bewertet worden, auch weil im Trainersystem ein Fehler vorliege: „Manche Trainer müssen ihre Arbeit durch Erfolge im Nachwuchsbereich legitimieren.“

Auch wenn das Konzept nicht mehr in Frage gestellt wird, so gehen doch die Diskussionen über das schwache Abschneiden von Athen weiter. Die Deutungshoheit hat Generalsekretär Hensel jedenfalls nicht allein. „Es haben so viele gesagt, dass wir so schlecht waren, weil jetzt das Erbe des DDR-Sports aufgebraucht sei. Dabei haben wir auch schon 1995 bei der Weltmeisterschaft in Göteborg ein Waterloo erlebt“, sagt Hensel. Doch in Göteborg gewannen die deutschen Leichtathleten zweimal Bronze, zweimal Silber und zweimal Gold. Hätten sie das auch in Athen geschafft, müsste der DLV jetzt nicht sparen.

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