Sport : Die neue Unbestechlichkeit

Die Leipziger Olympiabewerbung nimmt wieder einmal Anlauf – mit erfahrenen Kräften aus der Wirtschaft

Robert Ide

Frankfurt (Main). Vor dem Opel-Werk in Rüsselsheim hängen Werbeplakate, die eine seltsame Kulisse abgeben für den Neuanfang der Leipziger Olympiabewerbung. „Familientreffen“ steht auf einer bunten Werbewand, „Unbestechlich“ auf einer anderen. Im Rücken dieser Plakate saßen am Mittwochabend die Spitzen des deutschen Sports streng abgeschirmt beieinander und versuchten, die durch Streit, Stasi-Verwicklungen und Finanzaffären belastete Leipziger Olympiabewerbung zu retten. Nach mehr als vier Stunden gaben Bundesinnenminister Otto Schily und Klaus Steinbach, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, in Frankfurt dann bekannt: Leipzig bewirbt sich weiterhin um die Spiele 2012.

Neuen Schwung erhofft sich der Aufsichtsrat der Olympiabewerbung von neuem Führungspersonal. Er berief Peter Zühlsdorff zum neuen Vorsitzenden der Geschäftsführung. Der 63 Jahre alte Wirtschaftsmanager hat unter anderem bei Unternehmen wie Wella und Tengelmann Verantwortung getragen. „Herr Zühlsdorff ist ein Patriot der Praxis“, sagte Minister Schily. Mike de Vries, der bisher kommissarisch die Geschäfte in der Bewerbungsgesellschaft leitete, rückt nun wieder ins zweite Glied. In den Aufsichtsrat sind zweit weitere Wirtschaftsmanager gerückt: Lothar Späth und Arend Oetker. Der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher übernimmt den Vorsitz im Kuratorium.

Bei der Sitzung, dessen Ort lange geheim gehalten wurde und von dem selbst einige angereiste Aufsichtsratsmitglieder erst am Flughafen in Frankfurt am Main erfuhren, wurde zunächst das umstrittene Finanzgebaren der Leipziger Olympiamanager besprochen. Zwei interne Prüfberichte der sächsischen Staatsregierung von Ministerpräsident Georg Milbradt hatten ungerechtfertigte Zahlungen der Olympiamanager um den ehemaligen Geschäftsführer Dirk Thärichen an Werbefirmen des Sportmanagers Ivan Radosevic ergeben. Diese Vorgänge hatten zur Entlassung von Geschäftsführer Thärichen, der zudem bei einem Stasi-Wachregiment gedient und seinen Lebenslauf geschönt hatte, sowie zum Rücktritt des Leipziger Olympiabeauftragten Burkhard Jung geführt. Zudem war bekannt geworden, dass auch die neue Leipziger Olympiagesellschaft Rechnungen von Radosevics Unternehmen Pentacom entgegen genommen hat.

Die Prüfberichte entlasteten dafür nun Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee und Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt und zwar „abschließend“, wie Steinbach sagte. Nach der Bekanntgabe dieser Ergebnisse steht auch der Rückzug des Präsidenten des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, nicht mehr zur Debatte. „Die Prüfberichte haben mich überzeugt, dass aufgeklärt worden ist und nicht mit weiteren unliebsamen Überraschungen zu rechnen ist. Deswegen bleibe ich dabei“, sagte Richthofen. Er hatte aufgrund der Skandale mit dem persönlichen Rückzug aus dem olympischen Aufsichtsrat gedroht und zudem öffentlich angekündigt, notfalls „die Reißleine“ für die Bewerbung zu ziehen. Das ist nun abgewendet. Leipzig bewirbt sich weiter. Und die Spitzen des deutschen Sports verließen die Stätte des Neuanfangs. Zurück ließen sie die bunten Werbeplakate, die wie ein Versprechen für die Zukunft wirkten: Familientreffen. Unbestechlich.

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