Sport : Die neuen Traditionalisten

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Die neue Saison in der Fußball-Bundesliga beginnt am 9. August. Anhand von zehn Fragen stellen wir bis dahin die 18 Vereine vor.

Wer hat das Sagen? Niemand scheint mehr Energie in den Verein zu stecken als der Vorstandsvorsitzende Martin Kind. Doch Manager und Trainer lässt er Freiräume. Trainer Ralf Rangnick schwärmte bereits kurz nach seinem Amtsantritt von den „kurzen, schlanken Wegen" bei Hannover 96. Der Manager hat sogar schon für einen europäischen Spitzenverein gearbeitet: Ricardo Moar kam von Deportivo La Coruna aus Spanien.

Was ist das Besondere? Traditionell, aber nicht langweilig - die Roten können als norddeutscher Verein im wohlmeinendsten Sinne bezeichnet werden. Ein Attribut, das auf Hannover 96 nicht immer zutraf. Vor dem Amtsantritt des heutigen Vorstandsvorsitzenden Martin Kind 1997 galt der Klub lange als Zirkusverein, den kaum ein Sponsor unterstützen wollte. Der Unternehmer brachte den Verein in ruhige Bahnen und führte ihn kontinuierlich von der dritten bis in die erste Liga. „Ich lasse mich sehr schwer vom Weg abbringen", sagt der 58-Jährige. Hannover 96 steht für Niedersachsen. Es hat ein großes Einzugsgebiet und viele Anhänger, die dem DFB-Pokalsieger von 1992 zutrauen, seinen Erfolgsweg weiterzugehen.

Was hat sich verbessert? Entscheidend wird sein, wie die Mannschaft auf den Weggang von Torjäger Jan Simak reagiert. Der Tscheche war in der vergangenen Saison mit 18 Toren der treffsicherste Hannoveraner. Doch Simak war auch schwierig, machte immer wieder deutlich, wie wenig er sowohl vom Klub, als auch von der Stadt Hannover hält. Es ist durchaus denkbar, dass die Mannschaft sich ohne ihn wohler fühlt und harmonischer und somit besser spielt.

Wie sicher ist der Trainer? Es hat den Anschein, als habe Ralf Rangnick wieder einen Verein gefunden, zu dem er passt und der zu ihm passt. Wie in seiner Zeit beim SSV Ulm, von 1997 bis 1999, verfügt Rangnick über einen guten Draht zum Präsidenten und über Spieler, die sein effektives taktisches System umsetzen können und wollen. Rangnick wird wohl in Ruhe arbeiten dürfen.

Wie passen die Neuen? Acht neue Spieler hat 96 im Kader, doch nur zwei haben eine große Bedeutung. Mit Jiri Stajner und dem vom Fastaufsteiger Mainz 05 geholten Blaise N’Kufo sind zwei Angreifer gekommen, welche die nach Simaks Abschied entstandene Lücke durchaus füllen können. Sowohl Stajner, der in Tschechien im vergangenen Jahr Torschützenkönig und Meister mit seinem Verein Slovan Liberec wurde, als auch der Schweizer Nationalspieler N’Kufo fügen sich gut ein und trafen schon in den Vorbereitungsspielen.

Welche Taktik ist zu erwarten? Rangnick spielt mit einer modernen 4:3:3-Formation, aus der mitunter ein defensiveres 4:4:2 wird. Am auffälligsten in Hannovers Spiel ist jedoch eine andere schon beim SSV Ulm sehr erfolgreich umgesetzte Vorliebe Rangnicks: Ähnlich wie Freiburgs Volker Finke will der 44-Jährige jederzeit Überzahl in Ballnähe schaffen. Bei eigener Ballkontrolle hat man ausreichend Anspielsituationen und bei gegnerischem Ballbesitz kann früh Druck ausgeübt werden. Das erfordert allerdings große Laufbereitschaft.

Wer sind die Stars? 433 Spiele für Hannover, seit 1989 im Verein, 36 Jahre alt, Pokalheld von 1992: Das sind die Daten von Jörg Sievers, Torwart und Kapitän. Sein Stellvertreter ist Altin Lala. Der 26-jährige Albanier ist ein sicherer Abräumer im defensiven Mittelfeld, der sich auch immer wieder in den Angriff einschaltet.

Wie wird der Mangel verwaltet? Als die Folgen der Kirch-Krise in vollem Umfang sichtbar wurden, hatte Präsident Kind bereits die meisten Verträge verlängert, teilweise mit verdoppelten Bezügen. „Hätte ich geahnt, was passiert, wären die Gehälter niedriger ausgefallen", sagt Kind. Er musste umdenken: Zusätzlich zum Budget waren einige Millionen Euro für Einkäufe vorgesehen. Der Posten wurde um 30 Prozent gekürzt, auf den Kauf des Fürthers Dworrak wurde verzichtet, sonst wurden fast nur Spieler verpflichtet, die ablösefrei waren. Immerhin: Drei Millionen Euro für Stajner und 1,4 Millionen für N´Kufo waren drin.

Was gibt das Stadion her? Das Niedersachsenstadion mit seinen 48 933 Plätzen ist eine der schöneren Arenen Deutschlands. Nachdem schon in den vergangenen Jahren immer wieder Länderspiele in Hannover stattfanden, wird die Stadt auch bei der WM 2006 Spielort sein. Bis dahin wird das Stadion noch modernisiert. In der Zweiten Liga verlor Hannover in der verganenen Saison nur ein Heimspiel.

Wie sind die Fans? Der typische Fan des Hannoverschen SV von 1896, der seit Wochen dem Duell mit dem Hamburger SV am ersten Spieltag entgegenfiebert, zeichnet sich durch ein gegenüber dem Rest der Republik leicht erhöhtes Niveau aus. Auch in niederen Spielklassen hält der kleine, aber für 96-Fans wahre HSV einen ordentlichen Zuschauerschnitt. Öfter als anderswo – vielleicht mit Ausnahme Freiburgs – betreten Studenten das Stadion. Martin E. Hiller

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